Sie ist 23-jährig. Klein und zierlich wie ein Kind. An der Hand einer Freundin kommt sie in den Gerichtssaal des Bezirksgerichts Bremgarten. Murat sitzt schon da.

Der heute 41-jährige Türke arbeitet auf dem Bau. Im Alter von 20 Jahren war er in Deutschland mehrere Jahre im Gefängnis wegen Raub und Diebstahl. Nach der Entlassung leistet er Militärdienst in der Türkei – als Zäsur. Er lernte seine Frau kennen. Seit 2004 lebt das Paar in der Schweiz.

Leila ist Schülerin. Sie will die Matura machen. Damals arbeitete sie nebenbei als Domina in einem Studio.

Es war kurz vor Weihnachten 2013. Leila und Murat trafen in einer Bar in Bremgarten aufeinander. Sie kamen ins Gespräch. Er war angetan von der hübschen Frau. Sie erzählte ihm, dass sie als Domina arbeite.

Murat war auch davon sehr angetan. Ganz besonders von der Idee, dass Leila ihn anpinkelte. Sie sagte, er solle doch einmal im Studio vorbeikommen. Murat wollte nicht warten. Er sagte, er hätte ein Hotelzimmer in der Altstadt.

Leila willigte zu einem Stundenlohn von 500 Franken ins Geschäft ein. Er gab ihr 200 Franken als Anzahlung. Vor dem Hotel kannte er dann den Code nicht, um an den Schlüssel zu kommen.

Da sagte er: «Wir können es auch hier machen.» Er packte Leila. Sie wehrte sich, sagte, er solle aufhören. Er zog ihr die Leggings runter. Drückte sie zu Boden.

Sie konnte sich nicht gegen den fast doppelt so schweren Mann wehren. Er drang in sie ein, fasste sie überall an.

Vor Gericht sagt sie weinend, dass sie eine solche Angst gehabt habe. Als sie sich unter ihm wegwinden konnte, riss er sie zurück. Verging sich nochmals an ihr. Erst da löste sich ihre Blockade und sie konnte schreien. Als sie ihn dann noch in den Hals biss, rannte Murat weg.

«Ich bin noch nicht fertig»

Gerichtspräsident Lukas Trost sagt in Bezug auf die Vergewaltigung und die angebotenen sexuellen Dienstleistungen: «Wieso macht es für Sie einen so grossen Unterschied?» Leila sagt: «Das ist für mich ein riesiger Unterschied.»

Sie erklärt ihm, dass Leute, die zu einer Domina gehen, sich gern unterwerfen, auf Fetische stehen, gefesselt werden wollen.

Geschlechtsverkehr sei Tabu, auch Berührungen an intimen Stellen. Sie selber finde das nicht erotisch und stehe auch nicht darauf. «Ich hätte nie Geschlechtsverkehr angeboten.»

Leila hat seit dem Vorfall acht Kilo abgenommen. Sie erbricht oft nach dem Essen. Nachts hat sie Angst.

Probleme mit Ehefrau

Und Murat? Der hatte gedacht, Leila wollte das auch. Er hörte zwar, wie Leila sagte: Hör auf, ich will das nicht.

Aber die Signale seien widersprüchlich gewesen für ihn, sagt er. Vor Gericht entschuldigt er sich und sagt, der Vorfall sei für ihn schlimm. Er habe bis heute Probleme mit seiner Frau, kämpfe um seine Ehe.

Der Staatsanwalt verlangt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren wegen Vergewaltigung. Murat habe allein zur persönlichen Befriedigung die sexuelle Integrität einer Frau verletzt. Ihm müsse unmissverständlich klargemacht werden, dass das «Nein» einer Frau ohne Wenn und Aber zu akzeptieren sei.

Murats Anwalt meint, sein Klient habe wohl nicht gewusst, das bei einer Domina kein Geschlechtsverkehr inbegriffen sei.

Er sagt indirekt zu Leila: «Wenn man mit dem Feuer spielt, kann eben schon mal passieren, was da passiert ist.» Er fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten.

Das Urteil des Gerichts ist einstimmig: Schuldig wegen sexueller Nötigung. Murat wird zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe bedingt mit einer Probezeit von vier Jahren verurteilt. Er muss eine Busse von 3000 Franken zahlen und eine Genugtuung an Leila von 5000 Franken.

Es ist eine Tragödie für beide

Gerichtspräsident Trost sagt in der Urteilsbegründung, dass er davon ausgehe, dass Leila die Wahrheit erzähle. Aber auch die Aussagen von Murat seien glaubhaft. «Es ist eine Tragödie für beide.»

Es habe in Bezug auf die sexuellen Dienstleistungen unterschiedliche Erwartungen und Hoffnungen gegeben. Es sei eine hochgekochte Stimmung gewesen.

Trost sagt sogar: In einer solchen Situation, in der sich die Hoffnung auf sexuelle Stimulation plötzlich zerschlägt (weil kein Hotelzimmer verfügbar ist) «ist das ganz schwierig, ein Nein zu akzeptieren.» Das solle nicht heissen, dass der Übergriff harmlos gewesen sei. «Es ist schlimm, eine Frau so anzugehen.»

Murat hätte aber nicht geplant, Leila zu vergewaltigen. Er hätte so wenig Gewalt wie möglich angewendet. Das Gericht denke nicht, dass ihm «so etwas nochmals passiert».

Abgesehen davon hätte Murat sich vorbildlich verhalten in den letzten Jahren. «Es gibt viele Dinge, auf die Sie stolz sein können in Ihrem Leben. Das hier war schlecht, tun Sie mehr vom Guten», sagt Trost am Schluss zum Türken.

Leila verlässt während der Urteilsverkündung für ein paar Minuten den Gerichtssaal – von einem Weinkrampf geschüttelt.

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