Im Pflege- und Betreuungszentrum Reusspark in Niederwil besteht die wohl faszinierendste Wohngemeinschaft im Aargau. Die Bewohnerinnen und Bewohner des ehemaligen Klostergebäudes haben eines gemeinsam: Ihr Gedächtnis macht nicht mehr so richtig mit.

Therese Seiler ist eine von ihnen. Sie erzählt vor der Kamera, wie es ist, Auberginen in kleine Quadrate zu schneiden, wie sie am Gang einer Person erkennt, wer auf ihr Zimmer zukommt, warum sie trotz Krankheit nur Gutes erlebe, seit sie hier sei.

Die Patientin:

«Ich fühle mich so gut wie fast noch nie im Leben, ist wahr»

Therese Seiler - Demenz-Patientin

Die Schwester:

«Meine Schwester hat eine ungeheure Lebensfreude, sie nimmt ihr Schicksal an»

Rosemarie Seiler - die Schwester

Der Pfleger:

«Wir reden mit den Leuten offen über ihre Krankheit»

Patrick Lanz - der Pfleger

Die Stationsleiterin:

«Auch die kranken Menschen brauchen das Gefühl der Bestätigung»

Jessica Schmidt - die Stationsleiterin

Die Krankheit Demenz in Cards erklärt

Die Reportage

Erika Blum* mag nicht essen. Das Stück Brot, darauf Butter und Quittenkonfitüre, hat sie zwar bestrichen, aber nicht angebissen. «Fählt ihne öppis?», fragt Pflegerin Franziska Karlin. «Nei», sagt Erika, «nur im Chopf!»

Ob sie ihre Tablette schon genommen habe. «Nei, söll i sie neh?» Ja, sie habe doch über Schmerzen geklagt. «Jojooo, grossi Schmerze!»

Es ist Zmorgezeit in der wohl faszinierendsten Wohngemeinschaft des Aargaus. Um den Tisch sitzen die zehn Bewohner der «WG Kloster Reuss». Sie haben eines gemeinsam: Ihr Gedächtnis will nicht mehr so richtig. Die meisten sind an Demenz erkrankt, einige leiden an Altersvergesslichkeit. Neben dampfendem Milchkaffee stehen kleine blaue Plastikbecher, darin farbige Tabletten. «Walter, wettsch no chli Schinke?» – «Joo, wennd gad eso frögsch!» – «Magsch zwei?» – «Jäjoo!»

Walter trägt einen GPS-Sender

Bereichsleiterin Jessica Schmidt sagt: «Wir sind halt mit den Bewohnern per Du, gell, ist Ihnen bestimmt schon aufgefallen.» Das sei unüblich in der Langzeitpflege. «Aber so haben wir einen besseren Zugang. Irgendwann hören sie schliesslich nicht mehr auf ihre Nachnamen.» Walter ist der Hahn im Korb, nebst ihm wohnen neun Frauen in der WG im alten Klostergebäude. «Äh, das merk ich gar nöd», sagt Walter, schüttelt schmunzelnd den Kopf und steht die nächste halbe Stunde am Abwaschtrog, um den Geschirrspüler einzuräumen.

Wer hier lebt, ist noch im Anfangsstadium. Zu Hause wohnen geht zwar nicht mehr, eine geschlossene Demenzabteilung mit gesicherten Türen wäre aber zu früh. Die WG ist ein Mittelweg: Die Bewohner sind betreut und doch selbstständig. Einfache Arbeiten erledigen sie selbst. Sie waschen ab, rüsten Gemüse, holen die Post oder den Wäschewagen. Das Konzept der Demenz-WG ist so simpel wie einleuchtend: Die Bewohner werden in die tägliche Hausarbeit eingebunden. Das schützt vor Langeweile, lenkt von der Krankheit ab und kann deren Verlauf im Optimalfall gar positiv beeinflussen. Gearbeitet wird mit dem «Recovery-Konzept».

Es geht davon aus, dass ein Kranker die Einsicht haben muss, dass er krank ist, bevor er wieder gesund werden kann. Schmidt sagt: «Wir wissen zwar, dass die Leute bei uns nicht mehr gesund werden können. Aber wenn wir sie so behandeln, als wäre das möglich, kurbelt das ihre Selbstheilung an und steigert das ihr Selbstvertrauen.» Bewohnerin Ruth* etwa hatte in der Pflege gearbeitet, erst mit 68 ging sie in Pension. Sie sagt: «Isch schön do. Aber nöd glich wie deheime.» Jessica Schmidt sagt: «Wenn du wieder gesund bist, kannst du dann uns helfen.» – «Ou jesses, nei danke!», winkt Ruth lachend ab.

Walter stellt sorgfältig Teller in den Geschirrspüler. Seine Frau ist auch krank: Parkinson. Sie wohnt auch im Reusspark, im Haus nebenan. Am liebsten würde Walter sie jeden Tag besuchen gehen, aber er musste lernen, dass das für sie zu viel ist. Kürzlich verlief er sich auf dem Weg zu ihr. Statt in den Lift stieg er in den Bus nach Mellingen. Stand verwirrt vor einem Strassenschild, als er im Reusspark anrief.

Die Chefin holte ihn mit dem Auto ab – jetzt trägt Walter einen GPS-Sender. Sie sage dem immer «Verlaufen» und nicht «Weglaufen», sagt Jessica Schmidt. «Die Leute laufen nicht bewusst weg. Sie wissen nur nicht mehr, wo sie sind.» Da habe man auch mal Angst um die Bewohner. «Wir verbringen jeden Tag so viele Stunden miteinander, da wächst man schon ein bisschen zusammen.»

«Also! Do stimmt öppis nöd!»

Die meisten wollen nicht nur in der WG leben, sondern auch hier sterben. Hier, wo sie ihre letzten Jahre, Monate oder Wochen verbracht haben. «Wir versuchen, die Leute wenn immer möglich bei uns zu behalten. Das kann zwar grösseren Aufwand für uns bedeuten, aber das Personal ist gewillt, das auf sich zu nehmen.»

Während Walter Besteck einsortiert, gönnt sich Therese Seiler einen zweiten Milchkaffee. Pfleger Patrick sitzt neben ihr, sagt, sie sei ja heute Morgen ganz früh auf gewesen, das habe er schon bemerkt. «Also Siiiie! Das isch mer eine!» Ihr Lächeln sagt, dass die Empörung eine gespielte ist. Sie dreht sich zur stellvertretenden Stationsleiterin, die gerade vorbeihuscht, hält eine Hand vor den Mund, flüstert: «Sie, dä muen ich mer merke. Me sett jo nöd eso öber ander Lüüt rede, aber was haltet Sie vo däm Monsieur?»

Dann, als würde sie gar nicht auf die Antwort warten, blickt sie plötzlich aufgeregt auf ihr Füsse. «Also! Do stimmt öppis nöd!» Links trägt sie eine Filzpantoffel, hellblau mit schwarzen Sternen, rechts eine Adilette, weiss mit drei blauen Streifen. Die Pflegerin, die eigentlich erzählen sollte, was sie «vo däm Monsieur» halte, lobt Therese für ihre Erkenntnis. «Sehr gut! Sie haben es selber gemerkt. Selbstverständnis!» – «Jäjooo, das mues me ha i de hötige Ziit. Das hani dänk aber extra gmacht», sagt Therese, dreht sich um und zwinkert dem Reporter zu.

Therese war Primarlehrerin – bis es irgendwann nicht mehr ging. 2008 zog sie nach Hägglingen in ein Haus neben dem ihrer Schwester. «Man hat schon gesehen, dass sie Gedächtnisstörungen hat», erinnert sich Schwester Rosemarie. Das Thema Demenz sei früh im Raum gestanden, «du, ich vergesse so viel», habe sie gesagt, «ich werde wie s’Mueti!» Aber dass Therese so bald nicht mehr selbst in ihrem Haus wohnen könnte, hätte auch ihre Schwester nicht gedacht.

Dann folgten eine Hirnblutung, ein Sturz, ein Aufenthalt in Königsfelden. Als in der Demenz-WG im Reusspark überraschend schnell ein Zimmer frei wurde, weinte Therese vor Glück. Und sagte, hier gefalle es ihr so gut, hier wolle sie sterben. Therese weiss, dass sie krank ist – und sagt das auch. Damit ist sie eine Ausnahme: Alle anderen Mitbewohner wollen es nicht wahrhaben.

Shampoo wird zu «Züg»

Die Schwestern reden miteinander wie gute Freundinnen. Nehmen einander auch mal hoch und nicht immer ganz ernst. Die Gesunde sagt über die Kranke: «Sie ist zufrieden, trotz allem, was sie hat. Sie hat ihr Schicksal angenommen. Das bewundere ich.»

Jeden Tag räumt Therese mit einer Pflegerin ihr Zimmer auf, damit sie nachher, so sagt sie es selbst, «wieder den Durenand» machen kann. Sie fühle sich so gut wie noch nie im Leben. Sie könne mit zum Spazieren, mit nach Engelberg, zum Fondue essen in einer Schaukäserei. «Ich habe hier bald bemerkt: Das ist genau das, das hat jemand wie für mich alleine... weil ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe, aber ich habe einen Freund, seit 35 Jahren, immer der gleiche! Und das... es hat also nur Gutes, seit ich hier bin.»

Es sind diese Momente, in denen man merkt, das Therese dement ist. Eine Fernbedienung wird zum «Ding», Shampoo zu «Züg».

Sie ziehe einfach «aus allen Sachen das heraus, was mir entspricht». Und sie wisse ja gar nicht, wie das weitergehe mit dieser Demenz. «Weiss das jemand?» Dann gibt es Zmittag.

*Name geändert