Grossandrang herrschte im Wohler Chappelehofsaal. Rund 190 Interessierte waren auf Einladung der Freiämter Gewerbevereine gekommen, um die Debatte über die Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» mitzuerleben.

Nicht weniger als acht Protagonisten diskutierten und stritten unter der Leitung von Fabian Hägler, Ressortleiter Aargau der Aargauer Zeitung, über Sinn und Unsinn der Initiative, über den Lehrplan 21 und letztlich darüber, woran die heutige Schule krankt, was Schulbildung soll, was sie kann und wo ihre Grenzen liegen.

Gegen selbstgesteuertes Lernen

Den Anfang machte Franco Corsiglia als Präsident der aargauischen Schulpflegen. Die Initiative sei irreführend, sagte Corsiglia, da sie suggeriere, am 12. Februar werde über den Lehrplan 21 abgestimmt. Das sei aber nicht der Fall. Abgestimmt werde über eine Änderung von Paragraf 13 des aargauischen Schulgesetzes. Die Initiative schaffe mehr Unsicherheit, als sie Fragen kläre, sie verhindere einen zeitgemässen Lehrplan im Aargau, verursache höhere Kosten für Kanton und Gemeinden und missachte letztlich auch den Volkswillen.

Die absolute Gegenposition vertrat Mitinitiantin Elfy Roca. Sie hält den von den 21 Deutschschweizer Kantonen ausgearbeiteten Lehrplan 21 für ein missglücktes Konstrukt. Er bringe weder die angestrebte Harmonisierung noch eine bessere Schulbildung. Im Gegenteil: Der neue Lehrplan 21 führe zu einer Senkung des Niveaus. Dabei blieben vor allem schwächere Schüler auf der Strecke. Roca kritisierte weiter, dass der Lehrplan 21 auf dem Prinzip des selbstgesteuerten Lernens basiere. Damit seien Kinder in der Unter- und Mittelstufe überfordert. Die Initianten wollten erreichen, dass der neue Aargauer Lehrplan nicht auf der Basis der Prinzipien des Lehrplans 21 entwickelt werden kann.

In der sehr lebhaft geführten Diskussion erklärte Kurt Schmid als Präsident des Aargauischen Gewerbeverbands, weshalb sein Verband gegen die Initiative ist: «Anfänglich hatten wir eine gewisse Sympathie für die Initiative», sagte Schmid. Aber der Wind habe inzwischen gedreht. Bildungsdirektor Alex Hürzeler habe den Gewerbeverband eingeladen, bei der Ausgestaltung des neuen Aargauer Lehrplans mitzuarbeiten. Das seien neue und gern gehörte Töne. «Der neue aargauische Lehrplan soll nicht in einem Gesetz verankert werden, sondern muss in der Verantwortung der Exekutive bleiben», sagte Schmid. Auch darum sei der Verband gegen die Initiative, die eine Festschreibung gewisser Vorgaben im Gesetz fordere.

Aus Elternsicht argumentierte die Mittelschullehrerin Ariane Roth für die Initiative: Sie beklagte den unstrukturierten Unterricht, dass vielfach nur noch Sammelwissen vermittelt werde, dass es kaum Übungsmaterial gebe, die Eltern oft mit dem Frust von Kindern konfrontiert würden, die vom selbstgesteuerten Lernen überfordert seien. Das Raunen im Saal zeigte, dass andere Eltern wohl ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Applaus erntete Hermann Bütler, Lehrmeister in einem Elektrogeschäft in Muri, als er erklärte, wo er Handlungsbedarf sieht: «An den heutigen Lehrlingen vermisse ich Tugenden wie Anstand, Motivation oder Durchhaltewillen.» In manchen Punkten könne er die Kritik der Initianten an der aktuellen Schule verstehen, ja er teile sie gar, sagte Sekundarlehrer Thomas Leitch, Präsident der Bildungskommission des Grossen Rates. «Aber ich komme zu einem ganz anderen Schluss: Die notwendigen Veränderungen lassen sich mit der Initiative nicht erreichen».

Keine Volksabstimmung

Harald Ronge, Bezirkslehrer in Bremgarten und Mitglied im Initiativkomitee, war überzeugt, dass bei einer Ablehnung der Initiative der neue Lehrplan das angestrebte Hauptziel «Harmonisierung» verfehlen werde, dass aufgrund der seiner Meinung nach ungenügenden Lehrmittel das Unterrichten schwieriger werde und das Niveau kaum besser.

Thomas Leitch hielt fest, dass die Bevölkerung nicht über den neuen Aargauer Lehrplan wird abstimmen können. Vielmehr werde der Regierungsrat diesen verabschieden und in Kraft setzen.

Die folgende Publikumsdiskussion entfernte sich zunehmend von der Thematik; so wurde eine Verschwörungstheorie vermutet, die integrative Schulung angezweifelt und gefragt, ob es gut sei, dass im Sprachunterricht an der Unterstufe Fehler nicht mehr korrigiert werden.