Rechtfertigen müsse sie sich ständig. Einige grüssten sie nicht mehr. «Ich verstehe nicht warum», sagt Sandra Bolliger. «Wir schaden doch niemandem.» Sie ärgert sich über die kritische Interpellation von CVP-Grossrätin Marianne Binder zum «Homeschooling» (siehe Interview unten).

Sandra und Willy Bolliger leben mit ihren vier Kindern in Aarau. Zwei Zwillingspaare, fünf und neun Jahre alt. Sie Flugbegleiterin, er Rechtsanwalt. Die Kinder gehen nicht in Kindergarten und Schule. Sie gehören zu den schweizweit rund 1000 Kindern, die daheim von ihren Eltern – Treuhänder, Polizisten oder Lehrer – unterrichtet werden (siehe Box).

Homeschooling im Aargau

Die Bundesverfassung sieht keine Schulpflicht vor, nur ein Recht auf Bildung. Heimunterricht ist kantonal geregelt: Das Tessin verbietet es ganz, Solothurn oder Baselland verlangen ein Lehrpatent.

Im Aargau reicht eine abgeschlossene Ausbildung oder höhere Schule. Die Bewilligung gibt die örtliche Schulpflege. Die Lernziele des kantonalen Lehrplans werden jährlich von Schulinspektoren kontrolliert.

Fünfmal pro Woche muss unterrichtet werden: in der Primarschule täglich mindestens zwei und in der Oberstufe drei Stunden.

Bei Nichterfüllen der Anforderung kann ein Übertritt in die Regelschule angeordnet werden.

Im Aargau werden rund 70 Kinder zu Hause unterrichtet, in etwa ein Promille der total rund 70'000 Schulkinder. (edi)

Der Verein «Bildung zu Hause» organisiert jährlich ein Lager mit Schweizer Homeschooling-Familien – eine Projektwoche wie in der Schule, mit Vorträgen der Kinder, Lernstationen und Exkursionen. Diese Tage war auch Familie Bolliger im Haus «Bärgsunne» oberhalb des Thunersees.

Warum Hausunterricht? «Aus religiösen Gründen macht es hier niemand», sagt Sandra Bolliger bestimmt. «Warum Schule?», fragt sie zurück, nur weil seit rund 200 Jahren eine Schulpflicht bestehe und das niemand hinterfrage?

Für sie geht es um die Lebensqualität für die ganze Familie: Zu gross ist die Präsenzzeit in der Schule, die Kinder sind kaum noch zu Hause. Plötzlich übernehme einfach der Staat, was vorher die Mutter tat. «Ich will nicht, dass andere meine Kinder mehr prägen als ich.»

Die Gründe der Eltern sind verschieden: statt der Einschulungsklasse, wegen psychisch gestresster Kinder, wegen des Zeitaufwands, für eine gezieltere Förderung. Alle nennen es ein «Experiment, das funktioniert». Und die Kinder hätten mitentschieden.

Willy Bolliger überlässt den Heimunterricht seiner Frau, da sie besser geeignet sei. Anfangs war er skeptisch. «Aber es ist bloss ‹ein› Weg, ‹ein› Ansatz. Nicht besser, nicht schlechter.» Der Rechtsanwalt betont, dass es in der Schweiz keine Schulpflicht gebe. Er unterstellt der Interpellantin zudem Populismus, da «sie in den Nationalrat will».

Sandra Bolliger indes will nur das Optimum aus ihren Kindern herausholen. Oft geht sie mit dem Stoff weiter als der kantonale Lehrplan vorgibt, berücksichtigt das aktuelle Interesse der Kinder. «Lernen macht so mehr Spass.» Ohne grossen Einsatz der Eltern geht es nicht. Überheblichkeit werde ihnen nachgesagt, sagt Cary Timpanaro, Heilpädagogin aus Wettingen – «ein Vorurteil». Alle haben sie aber nichts gegen die Regelschule. Einige sind selbst Lehrer. «Ich könnte nie Lehrerin sein», sagt Sandra Bolliger, 25 Kinder wären zu viel. Dafür brauche es ein Lehrpatent. «Nicht aber für Hausunterricht.» Eine heimunterrichtende Primarlehrerin nickt. «Den Lehrstoff kann ein durchschnittlich intelligenter, gebildeter Mensch Kindern beibringen», so Bolliger. Eine Grenze des Machbaren schliesst sie aber nicht aus.

Brauchen Kinder nicht auch Umgang mit Gleichaltrigen? «Wir sperren unsere Kinder nicht in den Keller», echauffiert sich die vierfache Mutter. Ihre Kinder sind in Sportvereinen, im Chor, in der Pfadi, nehmen Trommelunterricht, machen Paartanz und sind im Religionsunterricht. «Nicht weil ich religiös bin», sagt sie, «weil sie selbst entscheiden sollen.» Die Schule werde als einziger Hort für Sozialisierung angesehen. «Dennoch gibt es saufende und randalierende Jugendliche», die sich nicht in die Gesellschaft integrierten.

Nachteile gebe es zwar überall, aber sie ist überzeugt: Die Vorteile von Heimunterricht überwiegen. «Die Kinder erleben weniger Negatives», sagt Bolliger, weniger Zwänge, weniger diffusen psychischen Stress wie Mobbing. Gerade der intensive Umgang mit den Geschwistern, meist unterschiedlich alt, fördere die Sozialisierung. «In der Familie», so erklärt eine Mutter, «kann man Konflikten weniger aus dem Weg gehen.»

«Wieso sonst bilden wir denn Lehrer aus?»

CVP-Grossrätin Marianne Binder macht sich Sorgen um Kinder, die zu Hause unterrichtet werden - auf ihre Interpellation wird ein Postulat folgen.

Frau Binder, was haben Sie gegen Heimunterricht?

Marianne Binder: In Regel- und Privatschulen gibt es ein ausgebautes Qualitätsmanagement: Unterrichtsbesuche, Mitarbeitergespräche, gegenseitiges Hospitieren, externe Kontrollen. Der Heimunterricht ist im Graubereich. Zwar werden Leistungen der Kinder überprüft - allerdings nur einmal pro Jahr! Die Unterrichtsführung selbst steht ausser Kontrolle. Störend ist, dass im Aargau nur eine Meldepflicht und keine Bewilligungspflicht für die private Schulung besteht und dass es keine Lehrbewilligung braucht wie in den meisten Kantonen. Das werde ich fordern, wenn eine Erklärung ausbleibt.

Weshalb braucht es das?

Wieso sonst bilden wir Lehrer aus, wenn jeder unterrichten kann? Eine Lehrbewilligung ist ein Beweis für Schulungsfähigkeiten.

Der Kanton gibt die Lernziele im Lehrplan vor und kontrolliert diese auch.

Nicht den Unterrichtsbetrieb, Methoden und Lehrmittel. Man kann auch mit der Bibel oder mit Comics lesen lernen.

Die Schweiz kennt keine Schulpflicht, bloss das Recht auf Bildung: Ergo, Hauptsache die Kinder lernen ...

Die Bundesverfassung sagt, der Grundschulunterricht müsse ausreichend und obligatorisch sein. Das Aargauer Schulgesetz nennt explizit eine Schulpflicht, die auch in Privatschulen oder einer privaten Schulung erfüllt werden kann, doch es ist Aufgabe des Staates, ausreichenden Unterricht zu gewährleisten. Auch beim Heimunterricht.

Die Schule ist aber auch eine staatliche Institution, die Angestellte mit Steuergeldern bezahlt, um fremde Kinder in grossen Klassen auszubilden ...

Trotzdem muss die Kontrolle für alle gleich sein. Jedes Kind hat das Recht, adäquat an Bildung herangeführt zu werden. Der Staat muss das wie auch die Sozialisation und Integration der Kinder in die Gesellschaft sicherstellen.

Sie befürchten, heimunterrichtete Kinder würden nicht sozialisiert?

Das ist eine These. Heimunterricht trägt nicht unbedingt zur Integration bei. Die Volksschule hat die wichtige Funktion, Kinder für das Leben in dieser Gesellschaft vorzubereiten, ein Faktor gegen die zunehmende Individualisierung.

Sie sagen, viele Eltern hätten religiöse Gründe für Heimunterricht. Worauf stützen Sie diese Aussage?

In Amerika ist es evident, auch in der Schweiz gehören die religiösen Gründe dazu, und ich habe es von Inspektoren und Lehrern gehört. Mich interessieren jedoch alle Gründe. Ist es Kritik und Misstrauen gegenüber der Schule oder anderen Religionen?

Was stört Sie an religiösen Gründen? Was ist mit der Glaubensfreiheit?

Weshalb schickt man aus religiösen Gründen die Kinder nicht in die Schule? Können das auch Sekten sein?

Ein SVP-naher Homeschooling-Vater wirft Ihnen Populismus vor.

Ausgerechnet. Ich stelle Fragen im Interesse der Kinder - offensichtlich unbequeme. Ein Zeichen der Nervosität, wenn ihm keine bessere Antwort einfällt.