Die Umstellung des Schulsystems auf sechs Jahre Primarschule und drei Jahre Oberstufe bringt Verlierer bei den Oberstufenlehrern mit sich. Weil die Oberstufe nur noch drei statt vier Jahre dauert, wird hier jede vierte Lehrkraft überflüssig. Was tun diese Lehrerinnen und Lehrer künftig – vor dem Hintergrund chronischen Lehrermangels in der Schweiz?
Die Real- und die Sekundarlehrer kommen mit der Reform zurande. Sie wehren sich nicht. Anders die Bezirkslehrer. Ihre Präsidentin Ursula Sauvin weiss von Kolleginnen und Kollegen, die sich angesichts der Perspektiven überlegen, aus dem Lehrberuf auszusteigen. Einige mit dem höheren Lehramt schauen sich bereits jetzt im Kanton, aber auch in Zürich oder Basel um. Lehrkräfte aus dem musischen Bereich und aus dem Bereich bildnerisches Gestalten haben besonders grosse Bedenken zu ihrer Zukunft.
Die Bezirksschule sei aufgrund des Fachlehrersystems vom Wechsel stärker betroffen als andere Oberstufenlehrer, betont sie. Wer bisher beispielsweise Mathematik und Physik unterrichtet hat, für den wäre die Umstellung auf eine viel breitere Fächerpalette sehr gross. Dementsprechend hoch sei die Verunsicherung. Die Begeisterung, alternativ künftig in der Primarschule (5./6. Klasse) zu unterrichten, «hält sich sehr in Grenzen», sagt Sauvin. Klar sei, dass dann der Lohnbesitzstand gewahrt werden müsste, betont sie.
Hoffen auf Frühpensionierung
Für Lehrerinnen und Lehrer ab 62 baut Sauvin auf grosszügige Frühpensionierungsmöglichkeiten – auch wenn der Kanton abwinkt, weil man angesichts des grossen Lehrermangels alle Lehrkräfte brauche. Für Sauvin macht es wirtschaftlich aber keinen Sinn, über 60-jährige Lehrer noch umzuschulen, wenn diese gar nicht motiviert sind. Von einigen jüngeren Kolleginnen und Kollegen und auch von solchen mittleren Alters – gerade von solchen, die nahe der Kantonsgrenze wohnen – weiss sie, dass sie nicht auf eine allfällige Kündigung warten und im Nachbarkanton suchen, um weiterhin ihrer Ausbildung entsprechend unterrichten zu können.
Real: (noch) grosser Lehrermangel
In den Verbänden Sekundarlehrpersonen Aargau und Reallehrerinnen und Reallehrer Aargau teilt man die Sichtweise der Bezlehrer allerdings nicht. Reallehrer-Präsident Bernhard Rauh verweist darauf, dass bei ihnen (etwa in Neuenhof) eine Pensionierungswelle ansteht, sodass viele Jüngere ganz normal weiter unterrichten können. Zudem sei bei ihnen heute der Lehrermangel noch grösser als anderswo. Kommt dazu, dass es für die Zusatzlektionen, die die Reform bringt, auch qualifizierte Lehrkräfte braucht. Vielleicht gibt es hier sogar Platz für Bezirkslehrer. Schliesslich ist der Wechsel für Reallehrer nicht so gross, weil sie heute schon mehr Fächer unterrichten als Bezlehrer. Anders als Letztere sind zudem viele Reallehrer so ausgebildet, dass sie an Real- und Primarschule lehren können. Für viele, die heute 6./7.-Klässler unterrichten, wäre zudem laut Rauh der Wechsel zu 5./6.-Klässlern nicht so gross.