Wenn es um die Kontrolle beim Homeschooling (Heimunterricht) geht, ist Marianne Binder-Keller skeptisch. Deshalb hat die Aargauer CVP-Grossrätin dem Regierungsrat in einer Interpellation Fragen dazu gestellt. Nun liegen die Antworten vor, doch Binders Skepsis ist nicht verflogen – im Gegenteil, sie fühlt sich darin gar bestätigt.

«Da ist kaum mehr Licht im Dunkel», sagt Binder. «Vielmehr untermauern die Antworten des Regierungsrats das Manko bei der Kontrolle.» Auf Binders Frage nach den Gründen, warum die Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, antwortet der Regierungsrat: Dazu könne er keine Ausagen machen, weil danach gar nicht gefragt werde. Denn im Aargau besteht nur eine Melde-, aber keine Bewilligungspflicht. Das möchte Binder ändern: «Es braucht mindestens ein umfassendes Gespräch, bevor Eltern ihre Kinder privat unterrichten können.»

Aus der Antwort auf die Interpellation geht zudem hervor, dass kaum etwas über die Auswirkungen von Homeschooling bekannt ist: Der Regierungsrat verfüge über keine Kenntnisse zum Erfolg oder Misserfolg von Übertritten in die öffentliche Schule und den Übergang in die Berufslehre oder Mittelschule. Das Bildungsdepartement «erhebt systematisch keine Daten bezüglich der Anschlusslösungen», heisst es weiter.

91 Kinder und Jugendliche werden im Aargau zu Hause unterrichtet. Die Qualität des Unterrichts wird mit einem Besuch pro Jahr überprüft. «Viel zu wenig», findet Binder, «die Lehrer in den öffentlichen Schulen werden viel umfassender begleitet.» Ausserdem hätten die Kinder kein Anrecht auf verschiedene Angebote wie beispielsweise Integrierte Heilpädagogik. Binder ist überrascht, «wie wenig ernst der Regierungsrat den verfassungsmässigen Bildungsauftrag nimmt, wonach jedes Kind ein Anrecht auf angemessene Bildung hat».

Binder kritisiert auch die geringe Hürde für Heimunterricht: Wer einen Abschluss auf Sekundarstufe II, etwa einen Lehrabschluss oder eine Matura, vorweisen kann, darf unterrichten. Die CVP-Grossrätin schlägt deshalb vor, dass Eltern einen Grundlagenkurs an einer Fachhochschule absolvieren müssen.

Aufgrund der Antworten der Regierung kommt Marianne Binder zum Schluss, «dass die Kinder ein wenig ihrem Schicksal überlassen werden». Ihr sei aber durchaus bewusst, dass Homeschooling gut funktionieren könne. Diese Woche etwa habe sie beim Leserwandern der «Aargauer Zeitung» ein gutes Gespräch mit Sandra Bolliger geführt. Die vierfache Mutter unterrichtet ihre Kinder zu Hause. «Ich bin überzeugt, dass sie das gut macht. Doch auch sie kann nicht garantieren, dass das bei allen so ist.» Bessere Kontrollen seien schliesslich auch im Interesse der Homeschooling-Befürworter, weil auf diese Weise Vorurteile abgebaut werden könnten. «Mir geht es um das System, nicht um den Einzelfall», betont sie.

Nach der Sommerpause wird Marianne Binder mit einem Postulat Grundlagenkurse für unterrichtende Eltern, jährliche Examen und regelmässigere Kontrollen des Heimunterrichts prüfen lassen. Ausserdem soll geklärt werden, wie die Beweggründe künftig erfasst werden können.