Vielleicht war es bloss das Versehen eines Redaktors, ziemlich sicher aber ist es die schönste Anekdote über Benjamin Giezendanner: Als die az am 28. Oktober 2000 die Nominierten für die Grossratswahlen im Frühling publizierte, standen 18 Namen auf der Liste der SVP Bezirk Zofingen. Wie es sich gehört, waren hinter den Namen Jahrgang, Beruf und Wohnort aufgeführt. Ausser bei einem. Da stand nur: Benjamin Giezendanner, 1982, Rothrist. Ein Familienname als Direktqualifikation.

Tatsächlich war «Giezi Junior» KV-Lehrling auf der UBS Aarau. Er schaffte die Sensation: Grossrat als 18-jähriger Berufsmaturand, politisch absolut unerfahren. «Das war ein rechter Schock», sagt er heute. Giezendanner sitzt am Sitzungstisch in seinem Büro.

Vater Ulrich Giezendanner, hier in einem Oldtimer im Rothrister Zeughaus.

Vater Ulrich Giezendanner, hier in einem Oldtimer im Rothrister Zeughaus.

Hier, im 4. Stock der Giezendanner Transport AG in Rothrist, die er mit seinem Bruder Stefan führt, hat er Ausblick auf die Lastwagen, den Container-Terminal, den Kran. Er nimmt einen Schluck Tee – Töchterchen Sophia sei «grad am chränkle» – und erinnert sich: «Ich war in der Lehre, wollte unbedingt Militär und die Offiziersschule machen.» Eine Wahl hielt er für unmöglich. Doch der Ruf von Vater Ueli, Grossrat 1989 bis 91, ab da Nationalrat und gefühlt jede Woche in der «Arena», war ihm ungefragt vorausgeeilt.

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Nicht so ein ungerader Typ

Nach dem Coup wird er in der «Rundschau» porträtiert. Er flitzt im tiefergelegten VW-Käfer heran und sagt im Biedermeiersessel im Elternhaus Sätze wie: «Die Schweiz wird immer Ausländer brauchen, die arbeiten. Die dürfen auch gerne hier sein, aber sobald sie kriminell werden, müssen wir sie rauswerfen.» Kommentar des Off-Sprechers: «Wie der Vater, so der Sohn.» Heute sagt dieser Sohn: «Ich bin für Separierung statt Integration. Flüchtlinge zusammentun und ausbilden, dann wieder zurückführen. Das wäre effiziente Entwicklungshilfe.» Er sei «mit der Blocher-Welle in die Politik gespült» worden, habe zuerst lernen müssen, wie das funktioniere. «Ich hatte meine Meinung und verlor neun von zehn Abstimmungen. Heute weiss ich, dass es auch Kompromisse braucht.»

2014, Giezendanner war in den Ferien auf Kuba, rief SVP-Präsident Thomas Burgherr an: «Willst du Grossratspräsident werden? Du gehörst jetzt zu den Alten.» Ohne zu wissen, was ihn alles erwarten würde, sagte er nach Beratung mit Frau und Geschäft zu. Er sei glücklich, habe er die Chance gepackt. Er habe als Vizepräsident neben Marco Hardmeier «eine super Zeit» erlebt. Die zwei wurden Freunde, Hardmeier war an Giezendanners Hochzeit. «Auf ihm halte ich ganz grosse Stücke», sagt der SVPler über den SPler. Im Präsidium werde man anders wahrgenommen: «Deine Person steht im Zentrum, nicht deine Politik. Die Leute merken: Hey, das ist gar nicht so ein ungerader Typ. So ging es mir bei Marco und ich hoffe, so wird es einigen auch bei mir gehen.»

Ins Büro, wenn Tochter im Bett

Vater Giezendanner kündigte an, diese Legislatur in Bern sei seine letzte. Ist das Grossratspräsidium für den Sohn also ein Trainingslager? Er sagt: «Früher war das ein Traum. Heute muss ich nicht mehr unbedingt Nationalrat werden. Obwohl die Chance wohl nie so gross wäre wie in dem Moment, in dem mein Vater nicht mehr antritt.» Was er noch lieber machen würde, «und das sage ich ganz ehrlich: Regierungsrat.»

Er sei ein Vollblutunternehmer. Und hätte grosse Lust, den Kanton irgendwann «effektiv zu führen». Das habe aber noch Zeit, «vielleicht in 20 Jahren oder so.» Manchmal nerve es, ständig auf den Vater angesprochen zu werden. «Der Schatten ist da, aber damit habe ich mich schon längst abgefunden. Ich bin eine andere Person.» Das habe er schon in der Schule gelernt: «Entweder wirst du stark, oder eben nicht. Ich verteidigte ihn immer, obwohl ich nicht immer gleicher Meinung war.»

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(Dezember 2016)

Die Mutter starb, als Benjamin 15 war. Sie war seine Bezugsperson. Deshalb ist ihm heute nichts wichtiger als die Familie. Frau Jasmine, auch Rothristerin, hatte er in Olten kennen gelernt, im Ausgang mit Militärkollegen. «Es war ziemlich laut, sie ging dazwischen, wollte etwas beruhigen. Es ist ihr gelungen.» Er lacht glücklich.

Einen Tag in der Woche kümmert er sich um Tochter Sophia, steht an Wickeltisch und Herd. Arbeitsweg: drei Minuten – «wenn sie im Bett ist, komme ich nochmals ins Büro. Dafür nehme ich nie Politik nach Hause.» Die Bürotür steht immer offen, Chauffeure können jederzeit hereinkommen. «Wir sind ein Familienbetrieb, und das muss so bleiben.» Das Schönste sei es, am Abend zu sehen, wie die Lastwagen aus ganz Europa nach Hause kommen. «Wie ein täglicher Bubentraum.» Ziel wäre, einmal im Jahr selber eine Woche Aufträge zu fahren. In den letzten zwei Jahren blieb es beim Ziel. Aber wenn Sophia dann älter sei, fahre er mit ihr nach Hamburg und zurück.