Peter Suter, nach der klaren Niederlage vor sechs Jahren sagten Sie, es gebe keine zweite Initiative. Jetzt muss das Stimmvolk schon wieder zur Treibjagd antreten. Ist das nicht eine Zwängerei?
Peter Suter: Nein, überhaupt nicht, die Situation ist noch schlimmer geworden. Die Rehe haben eine noch viel grössere Unruhe im Wald, frü-her wogen sie bis zu 24 Kilogramm, jetzt sind sie nur noch 18 bis 20 Kilogramm schwer.
Der Grund für die Abnahme?
Erhard Huwyler: Vom Gewicht her stimmt es, aber sonst sind die Argumente völlig falsch. Alle Wildtiere leiden unter der Mobilität, die gewaltig zugenommen hat. Es gibt viele Leute, die sich absolut rücksichtslos verhalten, selbst wenn das nicht einmal beabsichtigt ist. Der Stress auf die Wildtiere, auf alle, auch auf die Vögel, hat sich enorm ausgedehnt, bewusst oder unbewusst.
Die Jäger machen laut Initianten alles noch viel schlimmer?
Suter: Zu jeder Tages- und Nachtzeit fahren sie doch mit ihren grossen Autos durch die Wälder. Das dürften sie gar nicht nach dem Gesetz. Die Tiere müssen sich immer mehr zurückziehen, an den Waldrändern sieht man keine Rehe mehr.
Warum behaupten denn die Jäger immer, Treibjagd sei nachhaltig?
Huwyler: Die Treibjagd ist nachhaltig, sonst wäre ich der Erste, der die Waffe ablegen würde. Mit anderen Worten: Sie sichert uns einen gesunden Bestand an Wildtierarten. Die streng geregelte Jagd im Aargau gefährdet mit Sicherheit keine Tierart. Wir schöpfen nur das ab, was wir mühsam durch Hege und Schutz aufgezogen haben. Der Jäger steht hin, kritisiert den Verlust an Lebensraum, macht Einsprachen. Peter Suter würde seine Energie besser für Projekte zugunsten der Natur einsetzen, aber es gibt kein einziges Projekt. Wir Jäger aber sind jeden Tag daran und werten die Lebensräume auf. Sie aber sammeln nur Unterschriften.
Suter: Die Jäger sind zehn Monate jährlich im Wald und schiessen alles Mögliche, gemäss Statistik auch Reiherenten und Tafelenten, Blesshühner, also bedrohte Arten. Die Jäger sind total stur und zu keinem Kompromiss bereit. Für das neue Jagdgesetz haben wir eine zwanzigseitige Eingabe gemacht, zusammen mit einem vernünftigen Jäger. Aber das wurde in der Kommission nicht behandelt, in der Regierung nicht, im Grossen Rat auch nicht. Wahrscheinlich ist die Eingabe im Papierkorb gelandet.
Warum setzen die Aargauer Jäger Bleischrot ein, das andernorts verboten ist?
Suter: Weil es bequemer ist, setzen die Jäger pro Schuss bis zu 70 Bleikügelchen von 4 Millimetern ein.
Huwyler: Mit Schrot ist es einfacher, ein Tier zu erlegen, aber die gemäss Gesetz erlaubte Maximaldistanz ist 30 Meter. Das Tier muss nahe sein, die Jäger üben das ganze Jahr, darum treffen sie auch gut. Wir haben klare selektive Vorgaben, was geschossen werden darf, ein Muttertier gehört niemals dazu - obwohl Herr Suter seit Jahren das Gegenteil erzählt.
Suter: Sie laden Gäste ein und machen Behördenjagden, damit die Teilnehmer sich nachher in der Öffentlichkeit positiv über die Jagd äussern und schöne Berichte schreiben.
Wären die Schäden durch Rehe, Füchse, Dachse und Wildschweine ohne Eingriffe durch Jäger im Wald und in der Landwirtschaft nicht unbezahlbar hoch?
Suter: Ja, ja, wissen Sie, das von massiven Schäden erzählen doch die Jäger einfach so. Und dann verdienen sie auch noch am Wildsau-Pfeffer, davon liest man nichts. Aber davon sagen sie natürlich nichts.
Wie würden Sie die Bestände regulieren, es braucht doch Eingriffe?
Suter: Das kann man ja so einzeln machen, aber nicht massenhaft mit der Treibjagd. Die Jäger schiessen aus den Gruppen einzelne Tiere heraus, das führt zu einem Überlebenstrieb und zu viel mehr Jungtieren, speziell bei Füchsen und bei Wildschweinen.
Bei weniger Abschüssen gäbe es weniger Jungtiere, Erhard Huwyler?
Huwyler: Das Tier richtet sich immer nach dem Nahrungsangebot aus und sorgt selber für den Ausgleich. Der naturnahe Waldbau hat natürlich das Futterangebot für das Rehwild massiv erhöht. Das ist zwar schön, aber mit diesem Überfluss steigen auch die Bestände massiv. Und wir vereinbaren alle zwei Jahre gemeinsam mit den Gemeinden und Forstrevieren die Abschusszahlen der Rehe. In 98 bis 99 Prozent der Fälle verlangen Gemeinden und Forst höhere Zahlen, als die Jäger es machen wollen. Wir sind nicht die blutrünstigen Mörder, für die wir hingestellt werden. Die Jagd ist reguliert durch den Bund und die Kantone.
Suter: Aber die Jäger kontrollieren sich selber. Es gibt kaum Beispiele, bei denen ein Jäger sein Patent verloren hat, weil er das falsche Tier erwischte.
Huwyler: Damit es überhaupt eine Jagdstatistik gibt, müssen wir Jäger zuerst alles genau dokumentieren und belegen können. Die kommt nicht vom lieben Gott, die machen die Jäger selber.
Suter: Aber wenn die Bauern Mais bis zehn Meter an den Waldrand pflanzen, ist das für die Wildtiere wie im Schlaraffenland, als würde man uns täglich Schwarzwäldertorten servieren. Dann kommt dieser Vermehrungsdruck, weil die Jäger diese Tiere nicht in Ruhe lassen. Es gibt gar keine alten Tiere im Wald.
Frauen sind viel sensibler als Männer, immer mehr Frauen beteiligen sich an der Jagd, also kann es doch nicht so schlimm sein?
Suter: Das stört uns ja gerade, die Treibjagd ist unethisch, da fehlt es an Moral und Gefühl. Diese Frauen müssen sich irgendwie bestätigen, weil sie einen Knacks, einen Minderwertigkeitskomplex oder einen psychischen Defekt haben. Dann können sie sich bei den Treibjagden bestätigen, wo ein Gruppendruck herrscht und jeder der bessere Schütze sein will. Der mit dem grössten Risiko ist am Schluss der Beste.
Wie ist das mit immer mehr Frauen auf der Jagd, Herr Huwyler?
Huwyler: Herr Suter zwängt die Frauen in ein völlig veraltetes Rollenbild. Die Frauen waren früher mit der Jagd stärker verwurzelt als heute, weil sie daheim auch den Braten machten, den der Mann nach Hause gebracht hat. Wegen fehlender Gleichberechtigung konnten sie jedoch nicht aktiv bei der Jagd mitmachen. Das ist jetzt glücklicherweise überwunden, die Frauen sind sehr gute Beobachterinnen und Jägerinnen, ihre Teilnahme kann der Jagd nur guttun. Sie sind auch beim Aufbrechen und bei der roten Arbeit in der Regel dabei.
Und warum schiessen die Jäger keine Feldhasen mehr?
Suter: Das ist wegen unserer Initiative, im Jahr 2002 haben sie schlagartig aufgehört, nachdem sie vorher noch 30 bis 70 Feldhasen jährlich erlegten. Das kann ich mit der Statistik belegen. Der grosse Rückgang kam Ende der Siebzigerjahre durch die intensivere Landwirtschaft.
Was wäre, wenn das Aaargauervolk am 27. November Ihrer Initiative zustimmen würde, Peter Suter?
Suter: Dann müssen sie diese Tiere einzeln erschiessen, das funktioniert ja in den Berggebieten auch. Dort haben sie eine Jagdzeit von nur zwei bis maximal drei Wochen. Aber bei uns geht es nur um die Jagdlust der Jäger.
Bei einem Ja würden Sie sofort eine Initiative zur Abschaffung der Jagd lancieren?
Suter: Nein, das machen wir nicht, weil es im Moment nicht zur Diskussion steht. Aber die Jäger haben Albträume und glauben, das könnte einmal kommen. Die Welt verändert sich, vielleicht ist es in 20 Jahren nicht mehr so wie heute. Ein totales Jagdverbot steht nicht zur Debatte, aber Einschränkungen sind nötig.
Was hiesse ein Verbot der Treibjagd für die Jäger, Erhard Huwyler?
Huwyler: Zuerst würden wir das hinterfragen, warum eine Stimmbevölkerung dazu käme, die verantwortungsvolle, pflichtbewusste Arbeit der Jäger in den Revieren so zu honorieren. Es würde uns ein Mittel für die schonungsvolle Jagd weggenommen. Jeder Jäger müsste Stunden bis Wochen zusätzlich im Wald ansitzen, um die Zahlen erreichen zu können. Es gäbe wohl weniger Jäger und wäre damit ein erster Schritt zur Abschaffung der Jagd.