Just als die AEW Energie AG zur Orientierungsversammlung am 7. März 2012 eingeladen hat, konfrontiert der Nahwärme-Kontraktor seine Kunden im Saline-Wärmeverbund Rheinfelden Ost mit temporär happigen Preissteigerungen. Ursache: Die Havarie an den neuen Dampfkompressoren der Saline Riburg, welche im Sommer 2011 die alten Maschinen ersetzten. Bereits in der Anfangsphase kam es zu Problemen, welche die Saline zwangen, nur noch auf Halblast zu produzieren. Dementsprechend sank auch die nutzbare Abwärme. Daher musste teurer Frischdampf ins System eingespeist werden, um den Betrieb zu sichern.
Mehr als das Zwölffache
Den Mehraufwand müssen die Kunden des Nahwärmeverbunds tragen, denen vorübergehend statt der üblichen 0,5 Rappen pro Kilowattstunde nun 6,12 Rappen in Rechnung gestellt wurden – was einer Verzwölffachung des Preises gleichkommt. Allerdings ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, die AEW Energie AG arbeitet mit Hochdruck an einer kulanten Lösung.
Statt günstiges Kondensat für die Wärmegewinnung zu verwenden, ist der Nahwärmeverbund Rheinfelden Ost vorübergehend zusätzlich auf teuren Frischdampf angewiesen. Mit anderen Worten: Neuwärme zur Abwärme – und dies noch mindestens bis Anfang April 2012, wenn alles gut läuft, denn erst dann, so das Rundschreiben der AEW Energie AG an die Kundschaft, rechnet die Saline Riburg wieder mit Volllastproduktion. Rund ein halbes Jahr lang, leider ausgerechnet in einem der kältesten Winter seit langem, dauert der Ausnahmezustand.
Partner ringen um Verständnis
Energieerzeuger und Kontraktor überwälzen die Mehrkosten auf die Kundschaft, welcher ein umweltfreundliches, preisgünstiges und stabiles System versprochen wurde. Diese vorübergehende Preissteigerung sei zwar vertraglich abgesichert, aber natürlich sehr unangenehm für die Kunden. Die von der Havarie überraschten Partner ringen um deren Verständnis.
Man sei «intensiv an der Ausarbeitung einer vertretbaren Lösung, um die Kostenfolgen für die Wärmekunden abzuschwächen», bestätigt AEW-Projektleiter Anselm Hagenbuch auf Anfrage der az Aargauer Zeitung. Er betont aber, dass niemand frieren musste in der Kältephase, «der Wärmeverbund funktioniert zuverlässig». Dieser gravierende Vorfall in der Saline Riburg wirft mit Blick auf den Wärmeverbund verschiedene Fragen auf.
Kontinuierliche Energielieferanten
Wie verlässlich arbeiten die Produktionsprozesse, deren Abwärme für einen davon abhängigen Verbund genutzt wird? Welche Vorkehrungen treffen Erzeuger und Kontraktor für den Störfall? Wer trägt solche Risiken und wie werden die Lasten allfälliger Mehrkosten verteilt? Die Antworten darauf interessieren in der Zähringerstadt besonders, weil ein grosses Werk (Wärmeverbund Rheinfelden West mit Partner Brauerei Feldschlösschen) gegenwärtig in der Vertragsabschlussphase steht.
Speist ein kommerziell tätiges Unternehmen den Wärmeverbund, kann es zwar die Abwärme verwerten, aber es bindet sich auch für die Zukunft als kontinuierlicher Energielieferant, auf den Verlass sein muss. Diese Verpflichtung schränkt dann die unternehmerische Handlungsfreiheit ein. In Zeiten kurzfristiger Produktionsperspektiven und global beeinflusster Standortentscheide gehen Kontraktor und Kunden also ein gewisses Risiko ein, wenn der Wärmeverbund dann nur von einem einzigen Lieferanten abhängt.
Unabhängigkeit fördern
Diesbezüglich weisen Systeme Vorteile auf, die sich auf öffentliche Betriebe, beispielsweise eine Kläranlage oder eine Abfallverbrennungsanlage stützen, welche zur Grundinfrastruktur einer Region gehören, also nicht marktwirtschaftlichen Bedingungen unterliegen. So funktioniert das System im Augarten, das rund drei Viertel der Energie von Wärmepumpen erhält, welche die Abwärme der Rheinfelder Kläranlage nutzen.
Ein anderer Weg, die Abhängigkeit von einem Wärmelieferanten zu mindern, bestünde im Zusammenschluss der verschiedenen Nahwärmenetze. «Dies ist die langfristige Perspektive, welche wir auch in Rheinfelden anstreben», bekräftigt Anselm Hagenbuch von der AEW Energie AG. Noch ist es aber nicht so weit. Zuerst müssen die verschiedenen Wärmenetzwerke ihre Stabilität beweisen.