Ist die am 7. Februar verendete Rheinfelder Stadtgeiss «Grisli» doch verhungert? Marianne Brunner von der Forschungsstation für Ziegen und Zwergziegen stellt in ihrem Gutachten bei dem Tier eine «hochgradige Kachexie» fest: eine vollständige Auszehrung.

Brunner widerspricht dem Befund des kantonalen Veterinärdiensts, wonach die Stadtgeiss nicht verhungert, sondern in sehr hohem Alter an Wurmbefall gestorben ist. «Ausnahmslos alle Organe, Gelenke, Knochen und die Muskulatur befanden sich in einem guten Zustand, es fehlte lediglich sämtliches Körperfett», heisst es in dem zehn Seiten starken Gutachten.

Das einst 19 bis 20 Kilo schwere Tier wog am Ende nur noch 13 Kilo. Auch am Gehörn der Geiss, die 14 Jahre alt wurde, sei ein bereits länger anhaltender Nährstoffmangel gut sichtbar.

Im städtischen Gehege sind laut Brunner innert eines Jahres drei erwachsene Tiere und drei von vier im letzten Frühling geborenen Kitzen gestorben. Einzig «Grisli» wurde einer Autopsie unterzogen. Bei den anderen fünf Tieren kann deshalb die Todesursache nicht mehr ermittelt werden.

Bei den zehn noch lebenden Zwergziegen hat die Forscherin Mangelerscheinungen festgestellt: starke Einbuchtungen der Hüft- und Rückenregion, fehlende Muskelmasse und stumpfes Fell. Alle Tiere seien zudem laut Besuchern recht passiv.

«Heu-Ration ist zu gering»

Marianne Brunner kennt die Geissenherde seit 2001 und wollte nach eigenen Angaben zum Wohl der Tiere eine unabhängige Expertise über den Zustand der Zwergziegen abliefern (die az berichtete). Ihre Station im Schanfigg erforscht seit 2002 mit einem internationalen Netz von Spezialisten das Verhalten von Ziegen und Zwergziegen, Auswirkungen von Züchtung und Haltung, Krankheiten und Heilungsmethoden.

Brunners Gutachten über die Rheinfelder Geissenherde stützt sich unter anderem auf Foto- und Bildmaterial, Autopsie- und Untersuchungsberichte und tiermedizinische Daten. Vor Ort war sie nicht. Alle Beteiligten hätten freiwillig bei der Zusammenstellung des Materials mitgeholfen, erklärt Brunner.

Für sie ist klar: «Die durch den Futterplan vorgegebene Heu-Ration ist zu gering. Auch wenn man die Weide dazu rechnet, erhalten die Tiere viel zu wenig Futter.» Dadurch gelinge es den Geissen nicht mehr, sich gegen den Wurmdruck zu wehren. Die Parasiten entziehen der Zwergziege zusätzlich wichtige Nährstoffe, und die Geiss verhungert.

Die Aussage der Tierpflegerin Esther Senn und ihres Partners Ruedi Müller, die Stadtgeissen würden den Hungertod sterben, sei deshalb «nicht wirklich weit hergeholt». Senn und Müller hätten richtig gehandelt: «Ohne diesen Medienrummel wäre an der Haltung nichts geändert worden, und weitere Tiere wären verendet.»

Bereits 2008 und 2011 kam es in Rheinfelden zu Auseinandersetzungen um die Geissen. Die Situation der Tiere habe sich aber nicht verbessert, so Brunner.

Ein grosses Problem liege im Nichtwissen über Zwergziegen. Tierärzte könnten sich weder an der Uni noch anderswo Fachwissen über diese Tiere aneignen, die nicht mit Ziegen verwechselt werden dürften.

Bei einem öffentlichen Park sei auch die Aufklärung der Bevölkerung wichtig, damit die Besucher die Tiere nicht falsch füttern. Die Forschungsstation schlägt den Verantwortlichen vor, ihnen die richtige Pflege und Haltung kostenlos beizubringen.

Die Stadt habe das Gutachten am Mittwoch erhalten, erklärt Stadtschreiber Roger Erdin. «Die zuständigen Stellen werden in den nächsten Tagen und Wochen die darin formulierten Empfehlungen analysieren und allenfalls in den bereits bestehenden Massnahmenplan einfliessen lassen, der mit dem kantonalen Veterinärdienst erarbeitet wurde.»