Friedlich grasen 30 Schafe an der steilen Böschung, die mit einem so genannten Viehhüter eingezäunt ist. Die meisten Tiere meiden den unter Strom stehenden Zaun – bis auf eines. Es ist besonders neugierig und steckt seinen Kopf am Rand der Weide durch eine kleine Öffnung. Das Schaf spürt nur deshalb keinen Stromstoss, weil seine dicke Wolle isolierend wirkt.

Beim Befreiungsversuch verheddert sich das Tier im Steckzaun, reisst einen Verankerungsstab aus und fällt rund zwei Meter in die Tiefe. Es bleibt mit dem Kopf im Zaun hängen, wird dadurch stranguliert und erstickt qualvoll.

Das tote Schaf wird am nächsten Morgen von einem Anwohner entdeckt, der die Polizei benachrichtigt. So geschehen im Juni 2016 in der Region Bremgarten.

Anklage wegen Tierquälerei

Die Staatsanwaltschaft erliess gegen den Schafbesitzer einen Strafbefehl. Dieser legte Einsprache ein, sodass der Fall nun in Bremgarten vor dem Einzelrichter landete. Die Anklage lautete auf Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz beziehungsweise Tierquälerei mit Todesfolge durch Missachtung der Würde und des Wohlergehens beim Halten von Schafen in nicht entweichungssicherem Gehege. Der Beschuldigte habe fahrlässig und aus pflichtwidriger Unvorsicht den qualvollen Tod eines Tieres verursacht, hielt die Staatsanwaltschaft in ihrem Strafbefehl fest.

Weiter wurde darauf hingewiesen, dass der Steckzaun im unmittelbaren Bereich der Steilböschung angebracht war und trotz aufgeweichten Bodens nicht genügend gesichert gewesen sei. Die Weideanlage war nicht so angelegt, eine Verletzungsgefahr der Tiere ausschliessen zu können, meinte die Untersuchungsbehörde. «Aufgrund dieser Verhältnisse war es für den Beschuldigten voraussehbar, dass der Zaun ohne genügende Verankerung in der Erde dem Gewicht eines Schafes nicht standhalten konnte. Mit einer zusätzlichen Sicherung des Zauns oder einer Verlegung der Weide an einen weniger steilen Platz hätte der Absturz des Schafes vermieden werden können.»

Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 100 Franken, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren, eine Busse von 1500 Franken, eine Strafbefehlsgebühr von 1200 Franken sowie Polizeigebühren von 20 Franken.

Gerichtspräsident Peter Thurnherr fragte den Beschuldigten, wie lange er sich bereits mit der Schafhaltung befasse. «Ich bin mit den Tieren aufgewachsen», lautete die Antwort. Dass es auf der Weide zum Tod des Schafes kommen konnte, sei sehr tragisch. «Aber ich bin kein Tierquäler», beteuerte der Angeklagte. Er erinnerte sich: «Am Abend, bevor das Schaf tot aufgefunden wurde, habe ich die Tiere und die Weide kontrolliert. Alles war in Ordnung mit dem handelsüblichen Schafzaun, den ich installiert hatte. Um eine extra gute Befestigung zu erreichen, habe ich alle zweieinhalb Meter einen zusätzlichen Stützstab und weitere Verankerungen im Boden angebracht.»

Durch die Art und Weise der Einzäunung der Schafweide könne seinem Mandanten kein Vorwurf gemacht werden, denn er habe keine Sorgfaltspflicht verletzt, meinte der Verteidiger des Angeklagten. Deshalb sei er freizusprechen.

Freispruch auf der ganzen Linie

Diesem Antrag folgte der Gerichtspräsident. Er sprach den Angeklagten von Schuld und Strafe frei. Sein Urteil begründete er wie folgt: «Wir leben in einer Zeit, in der es zu jedem Vorfall einen Schuldigen braucht. Nur weil ein Ereignis bedauernswert ist, kann man niemanden verurteilen. Der Beschuldigte hat keine Sorgfaltspflicht verletzt. Er hat einen handelsüblichen Schafzaun aufgestellt, zur Sicherung zusätzliche Vorrichtungen angebracht, ihn unter Strom gesetzt und er hat am Vorabend auch noch einen Kontrollgang gemacht.»