Auch das Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil arbeitet das düstere Kapitel der willkürlichen Heimversorgung auf. In Zusammenarbeit mit dem Aargauer Staatsarchiv biete das Heim den Betroffenen die Akteneinsicht und Gespräche an, teilte die Heimleiterin Pia Iff an der Generalversammlung des Trägervereins mit.

Akutes Thema wird behandelt

Auf Wunsch können die ehemaligen und nun betagten Heimkinder das Haus anschauen, wie es sich heute präsentiert. Die Heimleitung erhält regelmässig Anfragen. Die meisten zeigten sich, nachdem sie die Akten angeschaut und mit ihr ein Gespräch geführt hätten, mit ihrem Schicksal versöhnt, sagte Pia Iff.

Die Fernsehsendung «Rundschau» machte Ende April die unrühmliche Zeit der Verdingkinder und der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen publik. Der Nationalrat debattierte zur gleichen Zeit über die Wiedergutmachungsinitiative. In der «Rundschau» sei auch der ehemalige, im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil untergebrachte Zögling O.Z. zu Wort gekommen, sagte Vereinspräsident Heinz Blatter (Bremgarten).

O.Z. und seine Geschwister verbrachten ihre Kindheit vor 70 Jahren in Hermetschwil. Die Kinder seien den Eltern «rigoros und ohne rechtliche Grundlage» entzogen worden und ins Kinderheim gesteckt, erklärte Blatter. Die Behörden hätten dies mit einem «liederlichen Lebenswandel» der Eltern, mit ihrer Unfähigkeit, Kinder zu erziehen, oder mit der Tatsache begründet, dass sie arm gewesen seien.

Zucht und Ordnung als Maxime

Die Kinderheime seien früher konfessionell, ob katholisch oder protestantisch, geführt worden. Der damalige Erziehungsstil sei autoritär gewesen. Es habe drastische Strafen abgesetzt. «Die Kinder erlebten physische und psychische Gewalt», so Blatter. «Zucht und Ordnung war die Maxime. Beziehungsarbeit und Zuwendung zum Kind hatten damals kaum einen Stellenwert.»

Aber man müsse fair bleiben und anerkennen, dass die Melchtaler-Ordensschwestern in Hermetschwil, denen man heute Vorwürfe mache, damals sieben Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag präsent gewesen seien – «und das für eine riesengrosse Kinderschar.» Überforderung sei sicher auch damals ein grosses Thema gewesen.

In aller Objektivität sei im «Rundschau»-Beitrag betont worden, dass das Heim in Hermetschwil heute professionell geführt werde und mit den damaligen Vorkommnissen nicht in Verbindung stehe, sagte Blatter, der seinen Rücktritt als Vereinspräsident aufs nächste Jahr bekannt gab. Als Vizepräsidentin wurde Regula Jäggi (Bremgarten) statutengemäss bestätigt.

Blatter informierte die Versammlung auch darüber, wie im Heim nach der Trennung vom ehemaligen Leiter vor drei Jahren die strategischen und die operativen Aufgaben des Heimvorstandes und der Heimleitung in einem umfassenden Prozess klar definiert werden. Von der eingeleiteten Entwicklung seien die langjährigen Kadermitarbeitenden begeistert. Sie kämen wieder motiviert zur Arbeit, sagte Blatter. «Jetzt stehen wieder die Kinder im Mittelpunkt», habe er mehrmals gehört.

Heute erleben auch Heimkinder, anders als früher, fürsorgliche Unterstützung und eine gute Berufsausbildung, wie ein Ehemaliger berichtete. Den Eintritt ins Heim in Hermetschwil habe er zwar als grauenvoll empfunden. Heute könne er aber sagen, dass er von seinem Elternhaus, den Mitarbeitenden und von seinem Lehrmeister viel Rückhalt bekommen habe. Sein grösster Wunsch sei es, Berufsfeuerwehrmann zu werden.

53 Jahre im Vorstand mitgewirkt

Mit alt Oberrichter Werner Huber aus Villmergen erklärte ein «alter Hase» nach 53 Jahren seinen Rücktritt aus dem Vorstand. Die Heimkrise in der Folge der 68-er-Jahre habe man ausgestanden. Es habe sich alles zum Guten gewendet. Als Dank verschenkte Huber allen sein Buch «Bleibt gsund und brav».