Homeschooler sind in der Schweiz eine Seltenheit. Nicht mal ein Prozent der schulpflichtigen Kinder machen sie aus. Doch der Unterricht zu Hause wird im Aargau immer populärer. Eine der 131 Homeschooler ist Famara Valenciano. Die 12-Jährige wird seit sieben Jahren daheim unterrichtet. Ihre Mutter Mayte Valenciano ist gleichzeitig ihre Lehrerin. «Für mich ist das kein Problem», erzählt Famara. «Sie versteht mich sogar besser als eine normale Lehrerin. Wenn ich Schwierigkeiten habe, erklärt sie es mir so lange, bis ich es verstehe. Ich habe es mit der normalen Schule versucht, ich mag das Homeschooling mehr.»

Famara, Mutter Mayte und Garoe sagen, was sie über Homeschooling denken.

Ihre 10-jährige Schwester Garoe hingegen besucht die Primarschule in Eggenwil. Auch sie wurde bis vor einem Jahr zu Hause unterrichtet. «Ich wollte die normale Schule ausprobieren», erzählt sie. «Es gefällt mir sehr, daher werde ich nicht mehr zu Hause unterrichtet. Meine Mutter ist eine tolle Lehrerin, aber die Schule ist aufregender.»

Doch, warum wurden die Kinder privat unterrichtet? «Wir kamen 2010 aus Kalifornien nach Luzern», erinnert sich Mutter Mayte. «Wir meldeten die Mädchen an einer gewöhnlichen Schule an. Aber sie konnten damals noch kaum Deutsch und verpassten deshalb den Anschluss. Die beiden waren sehr unglücklich und haben sich fast jeden Abend in den Schlaf geweint. Ich wollte handeln und sprach mit dem Schulleiter.»

Dieser erklärte ihr, dass sie in Luzern eine in der Schweiz anerkannte pädagogische Ausbildung bräuchte, um die Kinder unterrichten zu dürfen. Valenciano ist zwar ausgebildete Lehrerin, doch ihre Lizenz ist nur in den USA gültig. Um ihre beiden Töchter in Luzern unterrichten zu dürfen, hätte sie eine Weiterbildung machen müssen. Über Umwege erfuhr sie, dass es im Aargau dafür jedoch keine pädagogische Ausbildung braucht.So zog die Familie kurzerhand in den Aargau, nach Eggenwil.

Fernstudium als Unterricht

In Homeschooling steckt viel mehr Arbeit, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Selbst die erfahrene Lehrerin kostet die Vorbereitung für den Unterricht viel Zeit. «Ich bereite die ganzen Sommerferien über den Schulstoff für meine Tochter vor», erzählt Valenciano. Dabei hält sie sich nicht nur an Schulbücher, sondern bedient sich verschiedener Quellen. «Ich möchte den Unterricht zu einem greifbaren Erlebnis machen», erzählt sie. So gehen die beiden beispielsweise regelmässig ins Museum, um Geschichte zu lernen.

Doch: Sie können nicht machen, was sie wollen. Mayte Valenciano muss der Eggenwiler Schulpflege zu Beginn jedes Schuljahres einen Semester- und Jahresplan vorlegen. Einmal jährlich wird ausserdem kontrolliert, ob Famara auf dem Bildungsstand von Gleichaltrigen ist. «Die Inspektoren sind immer sehr freundlich. Sie lassen Famara Prüfungen oder Arbeitsblätter lösen», erzählt die Mutter. «Bis jetzt gab es noch nie Probleme. Famara ist eine sehr gute Schülerin.»

Gut vernetzte Kinder

«Ich denke, die meist gestellte Frage ist, ob Famara durch das Homeschooling überhaupt soziale Kontakte knüpfen kann», erzählt Mutter Mayte. «Natürlich geht das.» Die 12-Jährige ergänzt: «Ich bin in einer Tanzgruppe und gehe gerne Schwimmen. Ich treffe mich oft mit anderen Homeschoolern und spiele mit Kindern aus der Umgebung.» Ihre Mutter bestätigt: «In einer kleinen Gemeinde sind die Kinder unter sich gut vernetzt.» Manche bewundern sie auch für das Homeschooling: «Ein Mädchen aus meiner Klasse fragte ihre Eltern, ob sie auch zu Hause unterrichtet werden könne», erzählt Garoa. Vielleicht gibt es in Eggenwil bald eine Homeschoolerin mehr?

Wie funktioniert der private Unterricht?

Im Aargau ist die Anzahl der privat geschulten Kinder seit 2014 gestiegen. Laut BKS waren es Ende Schuljahr 2014/15 126 Schülerinnen und Schüler, die privat unterrichtet wurden, Ende 2015/16 waren es schon 131. Das Homeschooling betrifft Kindergarten, Primarschule und Oberstufe. Hier steht es den Eltern frei, ihre Kinder an eine öffentliche Schule zu schicken oder zu Hause zu unterrichten. Die Schulpflicht wird individuell von den Kantonen geregelt. Eltern in Luzern und Zürich müssen eine pädagogische Ausbildung haben, um ihre Kinder zu Hause unterrichten zu dürfen.

Im Aargau reicht für den Kindergarten und die Primarschule eine Matura oder eine abgeschlossene Lehre. Für die Oberstufe müssen die unterrichtenden Eltern über ausreichende Fähigkeiten für das Erteilen der obligatorischen Fächer (einen Studienabschluss oder ein höheres Diplom) vorweisen können. «Bei Fremdsprachen kann der Unterricht ausnahmsweise mittels geeigneten Fernstudiums erfolgen», schreibt der Aargauer Regierungsrat.

Die private Schulung muss nicht bewilligt werden, daher müssen die Eltern auch keine Gründe für ihre Entscheidung angeben. Eine Meldung an die örtliche Schulpflege reicht. Dazu muss ein Semester- und Jahresplan nach Lehrplan eingereicht werden. Homeschooler erhalten alle Lehrmittel, mit denen Schulen arbeiten, dürfen aber auch Andere verwenden. In regelmässigen Abständen müssen sie der örtlichen Schulpflege einen Nachweis des genügenden Unterrichts erbringen. (CHG)