«Als Lady Gaga oder Spongebob verkleidet besuchen heutzutage viele Junge Fasnachtspartys in der Region. Andere wiederum taxieren die Fasnacht als «Sauf»-Anlass mit schlechter Musik. Dabei reicht die Tradition der Fasnacht bis ins Mittelalter zurück und war einmal eng mit der Kirche verbunden. Doch ist von den alten Bräuchen überhaupt noch etwas übrig geblieben? Ein Rückblick in die Geschichte der Fasnacht zeigt: Das Klima der fünften Jahreszeit hat sich zwar im Laufe der Zeit stark verändert, doch einige Bräuche haben über Jahrhunderte überlebt. Wie zum Beispiel das «Uusrüere» in Bremgarten, die drei verschiedenen Fasnachtsgesellschaften in Muri oder der «Güüggibueb» in Villmergen.

«Das ‹Uusrüere› kann etwa 600 Jahre zurückverfolgt werden», erklärt Heinz Koch, Stadtführer in Bremgarten. «In der Fasnachtszeit war es eine soziale Aufgabe des Stadtammanns, Küchlein an arme Kinder zu verteilen.» Diese Tradition wurde nach dem Zweiten Weltkrieg etwas anders weitergeführt: «Männer fuhren am Fasnachtsdienstag in einer Kutsche durch die Altstadt. Sie hatten eine Angelrute in der Hand, an der ein Cervelat befestigt war», erzählt Koch. Die Kinder der Stadt seien dann hinter der Kutsche hergelaufen und hätten immer lauter den Bremgarter Fasnachtsruf «Heego! Naro! Wyss und rot – pio» (mögliche Übersetzung: Ich Narr bin weiss und rot – und schön) gerufen, um eine Cervelat zu bekommen.

Hochblüte nach 2. Weltkrieg

Anfang der 60er-Jahre haben sich einige Männer auf diesen Brauch besonnen und ihn mit der «Aktion, mer rüered us» wiederbelebt. Von einem geschmückten Wagen aus wurden am Fasnachtsdienstag Orangen, Süssigkeiten und Schokolade in die Menge «uusgrüert» – wie es bis heute üblich ist. Im Jahr 1964 änderten die Männer den Namen «Aktion, mer rüered us» zu Schpitelturm-Clique, wie sich die Bremgarter Fasnachtsgesellschaft bis heute nennt. «Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Bremgarten die Hochblüte der Fasnacht, pro Saison fanden etwa fünf Bälle im Städtchen statt», erinnert sich Koch.

Erst mit der Schpitelturm-Clique wurden auch erstmals Fasnachtsumzüge durchgeführt. Zu Beginn fanden sie in jedem Jahr statt, etwa seit 1970 wechseln sich Bremgarten und Wohlen ab.

Mehrere Fasnachtsgesellschaften

In wenigen Orten des Freiamts hat die Fasnacht eine ähnliche Tradition wie in Muri. Dies wird damit begründet, dass im Dorf nicht nur eine, sondern gleich drei Fasnachtsgesellschaften das närrische Zepter schwingen: Muri-Wien (Wey), Muri-Adelburg (Egg) und Muri-Neuenburg (Dorf).

Denn – Muri war bis im Jahr 1899 in vier Ortschaften aufgeteilt. Ausser dem Weiler Hasli, dem vierten Ort, hatten alle Dorfteile ihre eigene Fasnachtsgesellschaft gegründet. Die Trennung ihrer Fasnacht von jener der andern nahmen die Gesellschaften sehr genau. Im Jahr 1783 kam es zu einem Schlagabtausch zwischen den Gesellschaften «Dorf» und «Wey» kam. Zu dieser Zeit bestand das fasnächtliche Treiben aus Umzügen, Fasnachtsritten, Aufführungen von Fasnachtsspielen und einer Strassenfasnacht für die Dorfbewohner. Währenddessen «achteten die Gesellschaften der einzelnen Dorfteile mit wachsamem Auge darüber, dass die Grenzen ihrer Fasnachtsstädte von fremden Narren aus anderen Ortschaften nicht verletzt wurden». Alle Fasnächtler hatten strikt in den eigenen Markierungen zu bleiben. Im Jahr 1783 ist diese Regelung von einigen Narren nicht beachtet worden, sodass es zu einem Handgemenge kam. Einzig das Kloster durften alle Fasnächtler aus jedem Dorfteil besuchen – dies aber nur auf genau vorgeschriebenen Wegen. Wer sich nicht an diese Abmachungen hielt, hatte mit bösen Folgen zu rechnen.

Gemeinsame Schlüsselübergabe

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das bisher emsige Fasnachtstreiben ab, vor allem die Strassenfasnacht gab es kaum noch. So beschlossen die drei Fasnachtsgesellschaften im Jahr 1967 gemeinsam, zu Beginn der fünften Jahreszeit eine Schlüsselübergabe und einen Eröffnungsball zu lancieren. Auch der gemeinsame Umzug findet erst seit den 60er-Jahren statt. Heute treffen sich die drei Gesellschaften jährlich zur Sitzung der «Vereinigten Fasnachtgesellschaften von Muri.»

In Villmergen fragt man nicht, ob jemand schon 50 Jahre alt gewesen sei, man fragt: «Hed er scho güügget?» 1960 wurde von den sogenannten «Dorffötzel» eine alte Villmerger Fasnachtstradition wiederbelebt: der Güüggibueb. In jedem Jahr dürfen die 50-jährigen Frauen und Männer im Dorf «güüggen». Dabei haben die Jahrgänger die Chance, ein lustiges Treffen abzuhalten.

In Wohlen gab es einst den Brauch des Fasnachtsfeuers. Es gilt als älteste Tradition der Wohler Fasnacht, wird aber heute nicht mehr gepflegt. In jedem Jahr wurde das Feuer in der Steingasse, einem der ältesten Teile von Wohlen, am 1. Fastensonntag, also zum Ende der alten Fasnacht, gezündet. Ein weiterer Brauch in Wohlen und Villmergen war der «Schwerzer». Die Burschen der beiden Gemeinden zogen am Schmutzigen Donnerstag in der Früh mit Drahtlarven und Säcken mit hölzernen Kellen durchs Dorf. Jedem Mädchen, das sie fangen konnten, schmierten sie die Wangen mit nassem Russ voll. Diejenigen, die getroffen wurden, schämten und versteckten sich. Dieser Brauch wurde später verboten, weil es dabei immer ruchloser zu und her ging.

Sinn und Zweck: Verkleiden und fröhliche Zeit geniessen

Was in Wohlen bestehen blieb, sind die Göttigesellschaft und die Kammergesellschaft: Im 18. Jahrhundert hatten sich junge Männer zusammengeschlossen, aus denen im Jahr 1827 die Göttigesellschaft wurde. Die strengste Regel der Götti: Nur Ledige konnten dazugehören. Als zweitälteste Fasnachtsgesellschaft entstand im Jahr 1830 die Kammergesellschaft. Die Geburtsstätte war eine Kammer in der Wohnung eines alten Strohhauses.

Sich verkleiden, lachen, eine fröhliche Zeit geniessen – das ist, und war, in allen Dörfern der Sinn und Zweck der Fasnacht. Heinz Koch erklärt: «Es liegt in der Natur des Menschen, sich verkleiden zu wollen und für einmal jemand anders zu sein.» Solange es genügend Leute gebe, die sich für die Fasnacht und deren Organisation einsetzten, werde die Fasnacht noch lange weiter existieren.