Im letzten Januar hat Joel Stutz seine Siebensachen in seinem bisherigen Wohnort Ascona zusammengepackt und ist nach Brugg gezogen. Vom Süden in den Norden, von der Sonne in den Nebel. Die Gründe: Einerseits lockte das Angebot einer Firma, andererseits hatte er genug von der schwierigen Konkurrenzsituation im Tessin durch die Nähe der italienischen Grenze.

Doch beginnen wir von vorne: Der Tessiner Joel Stutz – seine Mutter ist Tessinerin, sein Vater Basler – lebte im Alter von 17 bis 22 Jahren in Thailand. Thaiboxen war seine Leidenschaft, den Sport betrieb er professionell. Das blieb nicht unerkannt. «Eines Tages sprach mich im jemand von einer Werbeagentur an», erzählt Joel Stutz. «Er brauchte einen Stuntman für einen Werbespot.» Joel Stutz sagte zu – es war der Anfang seiner neuen Karriere.

Fasziniert, wie viel Aufwand und Material es für die Filmaufnahmen brauchte, begann er, sich für Computer-Animationen zu begeistern. Er kaufte sich ein Buch, erarbeitete sich die Grundlagen selbstständig. Die Arbeit entspreche seinem Naturell. «Ich bin ein sehr präziser Mensch», sagt er. «Das kam mir auch im Thaiboxen zugute. Noch mehr dann in der Arbeit am Computer.» Doch vorerst sah er die Animationen und Cartoons als ambitioniertes Hobby.

Alles selber beigebracht

Joel Stutz kehrte zurück in die Schweiz, begann in Ascona ein Musikstudium. «Weil ich so viel Klavier übte, bekam ich Probleme mit dem einen Finger», blickt der 28-Jährige auf diese Zeit zurück. «Ich musste das Studium aufgeben.» In der Folge konzentrierte er sich wieder auf seine Animationen und Cartoons.

bibi – the funny educational cartoon for kids

3D Animation and sound design by Joel Stutz: http://www.visualcenter.ch/

Im Selbststudium brachte er sich das Produzieren von Logos, Animationen, Cartoons, Grafiken und Renderings selber bei. Rasch verbesserte er seine Arbeit, bald konnte er Aufträge entgegennehmen. Doch der Markt im Tessin für solche Produkte ist klein. Dazu kommt, dass italienische Anbieter die Preise drücken. «Ich musste um jeden Job kämpfen», erinnert sich Joel Stutz. «Mit den Dumpinglöhnen konnte ich nicht mithalten.»

Er sah die Situation aber auch als Herausforderung, gar als Motivation. «In einem Land wie der Schweiz musst du viel besser sein als derjenige, der tiefere Preise anbietet. Nur wenn du einwandfreie Qualität lieferst, ist der Kunde bereit, mehr zu bezahlen.» Doch die Situation im Tessin zermürbte Joel Stutz. Er entschloss sich zu einem drastischen Schritt. Seinen Wohnsitz verlegte er nach Brugg. Mit dem Zug ist er rasch in Zürich, aber die Mieten sind günstiger. Zudem steht er in der Kleinstadt nicht ganz so stark in Konkurrenz mit den grösseren Cartoon- und Animationsstudios. Weiter sei es ein Trend, dass sich Designer oder Anbieter von höchster Qualität nicht in den ganz grossen Zentren niederlassen.

Darum treffen wir Joel Stutz in einer Wohnung nahe des Bahnhofs in Brugg. Das helle, geräumige Wohnzimmer wird dominiert von zwei massiven Holztischen. Der eine ist Joels Arbeitsplatz. Joel Stutz – grauer Pullover, graue Hosen und eine Brille mit schmalem Rand – beherrscht Schweizerdeutsch ausserordentlich gut. Nur selten sucht er nach dem richtigen Ausdruck oder betont ein Wort so, dass man den italienischen Akzent heraushört.

Er geht ins kleinste Detail

Emotionen zeigt Joel Stutz nicht, wenn er über seine Erfolge spricht. Er redet und bewegt sich zurückhaltend. Aber seine Arbeit sagt genügend darüber aus, wie leidenschaftlich Joel Stutz seinen Job ausübt. Er schlägt seine Portfolio-Mappe auf, tippt mit einem Finger auf eine Mondaine-Uhr. Täuschend echt sieht diese aus, wie eine Fotografie. In Wahrheit existiert diese noch nicht, Joel Stutz hat das Modell am Computer angefertigt. Gleich verhält es sich mit einem Roboter – Joel Stutz entwirft Animationen von Dingen, die es gar noch nicht gibt.

Bis ins kleinste Detail geht er auch beim Entwerfen von Cartoons. Sein neustes Werk: ein Cartoon für die Marke Bibi, dem Schweizer Hersteller von Babyprodukten. Das Besondere daran: Joel Stutz benötigte nur gerade 100 Tage für den etwas mehr als sieben Minuten dauernden Cartoon. Und: Das Sounddesign hat er ebenfalls selber komponiert. «Das Musik-Studium ist dazu eine gute Grundlage», sagt Joel Stutz.

making of bibiland 3D model

Der Umzug nach Brugg hat sich für den Tessiner gelohnt. «Ich muss heute nicht mehr jeden Auftrag annehmen», sagt er. «Ich kann mich jetzt auf die Qualität konzentrieren.» Das Geld, das eine Kunde ihm zur Verfügung stelle, fliesse direkt in die Produktion. «Ich habe keine Büroangestellten, keine Verkäufer, die ich bezahlen muss. Und separate Büroräumlichkeiten habe ich auch nicht», führt er aus.

Aus diesem Grund bekomme der Kunde bei ihm mehr Qualität für das gleiche Geld, das er vielleicht bei einer grösseren Firma ausgeben würde. Joel Stutz vergleicht seine Arbeit gerne mit jener eines Spitzen-Confiseurs. «Die Leute geben für qualitativ hochwertige Macarons auch gerne mehr Geld aus als für Massenproduktion», meint er. So möchte er sich auch in seinem Segment mit Qualität von anderen abheben. «Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist Qualität gefragt, davon bin ich überzeugt und darauf setze ich auch», sagt er.

Der Traum vom Filmfestival

Entsprechend hoch gesteckt sind auch seine Ziele für die Zukunft. «Ich möchte mit einem Kurzfilm ans Filmfestival in Cannes», sagt Joel Stutz. «Ich würde gerne einen Cartoon zu einem Umweltthema produzieren.» Dafür brauche er aber noch einen Auftraggeber. Die Kunst sei es, Themen, die die Menschen interessieren – beispielsweise Umwelt oder Bildung – in einer Animation so zu emotionalisieren, dass die Botschaft richtig rüber kommt. Aus diesem Grund gibt es auch Themen, die Joel Stutz nicht umsetzen würde. Der überzeugte Vegetarier kann sich beispielsweise nicht vorstellen, dass er sich für eine Kampagne, die für Fleisch wirbt, einspannen lässt.

Selbst in seiner raren Freizeit ist Joel Stutz kreativ. Im Wohnzimmer steht eine Staffelei, darauf ein angefangenes Bild. Auch hier ist Präzision sein höchstes Ziel. Ganz nach seinem Motto: «Qualität ist Präzision.»