Rolf ist Autist. Er sitzt neben Maya Streich, ausgebildet in Sozialpädagogik, auf dem Sofa im Feriendomizil, der Bed&Breakfast-Lodge in Stetten. In den Händen hält er einen kleinen Plastiksack, den er jeweils in der Mitte faltet, so lange, bis es nicht mehr geht. Dann wird das Päckchen wieder geöffnet und das Ganze beginnt von vorne. Dazu stösst er unverständliche Laute aus.

«Mama kann er sagen», erklärt Maya Streich. Für Rolf sei ein klar strukturierter Ablauf wichtig. «Wir versuchen, seine nonverbale Kommunikation so gut als möglich zu interpretieren», sagt sie. Abrupt steht Rolf auf und geht zügigen Schrittes zur offenen Küche. Sein erstes Ziel ist die Kaffeemaschine. «Morgen», sagt Maya Streich, die ihm gefolgt ist. «Morgen gibts Kaffee, nicht heute.»

Mit dieser Antwort gibt sich Rolf zufrieden und marschiert schnurstracks zum Kühlschrank. Sein Interesse gilt der Mayonnaise und der Butter. Sanft aber bestimmt wird er von der Sozialpädagogin wieder zum Sofa gelotst. Dieses Ritual wiederholt sich mehr als einmal. Ganz anders der 32-jährige Mathias, der neben den Gastgebern Oliver Meier und Tamara Alario im Wohnzimmer sitzt. Er verhält sich ruhig, hört zu. «Mathias hat eine seltene Stoffwechselkrankheit. Bis zu seinem 14. Lebensjahr führte er ein ‹normales› Leben», erklärt Streich. Inzwischen kann er nur noch mit Mühe ein Wort bis zwei Worte sagen, ist aber geistig wach. Seine Bewegungen sind spastisch.

Eine Bereicherung des Alltags

Auf dem Boden, auf dicken, warmen Decken liegen zwei Frauen. Ihre Diagnose: Cerebralparese (Bewegungs- und Koordinationsstörung). Die 42-Jährige robbt immer wieder auf ihre 58-jährige Kollegin zu und greift dieser in die Haare. Mal lieb, mal weniger. Aus diesem Grund hat sich Betreuerin Gabriella Mettler zu den beiden auf den Boden gesetzt. Sie muss immer wieder sanft eingreifen. Kurz vor 18 Uhr macht sich die Gruppe dann auf, um im Restaurant Bären in Birr fein essen zu gehen. Zur Feier des Tages bekommen Mathias und Rolf, in deren Mitte der freiwillige Helfer Reto Lang sitzt, ein Bier. Für alle Feriengäste wird bestellt, was sie gerne essen.

Dieses Wissen stützt sich auf Interpretationen des jeweiligen Essverhaltens. «Dasselbe gilt, wenn die Bewohner krank sind. Ohne verbale Kommunikation reduziert sich alles aufs genaue Beobachten», sagt Streich, bevor sie der
58-Jährigen die Schnabeltasse an die Lippen setzt. Diese Kurzferien seien als Bereicherung zum Alltag gedacht, den die Vier ansonsten in Urdorf, im Wohnheim Götschihof der Stiftung Solvita verbringen.