Es ist das Horrorszenario für Mütter und Väter: Am Montag ist in Windisch ein fünfjähriger Knabe auf dem Weg in den Kindergarten von einem Lastwagen erfasst und überrollt worden. In kritischem Zustand wurde das Kind mit der Rega ins Universitätsspital Zürich geflogen. Dort erlag es seinen schweren Verletzungen.

Einen Tag nach dem tragischen Unfall spricht der Windischer Schulpflegepräsident Philipp Küng von einem totalen Schock für alle Involvierten. Trotz unglaublicher Belastung: Von grösster Bedeutung sei jetzt, dass in dieser schwierigen Situation niemand allein gelassen werde. «Alle müssen auf Begleitung und Unterstützung zählen können. Alle müssen wissen, an wen sie sich für Hilfe wenden können.»

Trauer: «Richtigen Weg gibts nicht»

Wie kann ein Psychologe oder Psychiater Eltern helfen, die - wie in Windisch - ihr Kind verloren haben? Urs Hepp, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), gibt Auskunft.

Der Tod eines Kindes ist . . .
Urs Hepp: . . . etwas vom Schlimmsten, was Eltern widerfahren kann. Das Wichtigste in einer solchen Situation ist die Unterstützung im familiären Umfeld und im Freundeskreis.

Ist fachliche Hilfe immer notwendig?
Nein. Trauer ist eine normale Reaktion und soll nicht wegtherapiert werden. Nur wenn die Trauer in eine lang anhaltende Depression übergeht oder massive, meist nicht gerechtfertige Schuldgefühle andauern, kann eine fachliche Unterstützung notwendig werden.

Aufgezwungen soll sie aber nicht werden?
Auf keinen Fall.

Wie lernen Eltern mit einer Situation umzugehen, die primär sie, aber auch andere, wie Kindergartenkollegen oder den Lastwagenfahrer betrifft?
Es gibt nicht den richtigen Weg, mit Verlusten umzugehen. Während es für die einen Menschen wichtig ist, die Trauer mit anderen zu teilen, ist für andere Menschen gerade das Alleinsein hilfreich.

Kann sich das im Verlauf der Zeit vielleicht ändern?
Ja. Es kann dann schwierig werden, wenn Betroffene - etwa Eltern - nicht dieselben Bedürfnisse zur selben Zeit haben. Für Schulkollegen bietet zum Beispiel der Schulpsychologische Dienst direkte Unterstützung an. Hilfe leisten aber auch die Lehrpersonen.

Kann die Situation auch für den Lastwagenfahrer einschneidend sein?
Sehr sogar. Vor allem dann, wenn er trotz rascher Reaktion einen Unfall nicht verhindern konnte. Hier macht in der Regel das Angebot einer fachlichen Unterstützung Sinn.

Suchen Eltern nach einem Schuldigen?
Auch das gehört zum individuellen Umgang mit einer Katastrophe. Es gibt Menschen, die eine solche eher als Schicksalsschlag hinnehmen und es gibt andere, die eher nach Verantwortlichen suchen. (E. F.)

Wert gelegt werde auf einen angemessenen, pietätvollen Umgang, so Küng weiter. Es werde auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingegangen. Deshalb seien sowohl Vertreter der Schule als auch des Care-Teams vor Ort. «Die Hinterbliebenen – die Trauerfamilie, die Kinder, die Lehrpersonen – erhalten eine Stütze.» Das weitere Vorgehen werde Schritt für Schritt, Stunde für Stunde, Tag für Tag abgeklärt und entschieden, sagt Küng. «Das ist sehr individuell.»

Riesige Betroffenheit

«Dieser Unfall ist die absolute Horrorvorstellung jedes Chauffeurs», sagt Daniel Knecht, Verwaltungsratspräsident der Knecht Brugg Holding AG. Das Unfallfahrzeug war im Auftrag der Muldenzentrale Brugg unterwegs, einem Unternehmen der Daetwiler AG, welche zur Knecht Brugg Holding AG gehört.

«Im ganzen Betrieb herrscht enorme Betroffenheit. Zudem kennen einige Mitarbeiter die betroffene Familie persönlich», so Knecht, der am Montagmorgen wenige Minuten nach dem Unfall vor Ort war. Die Mitarbeitenden seien umgehend via E-Mail und Mitteilungsblatt am Anschlagbrett informiert worden. Am Dienstagmorgen hätten sich in der Muldenzentrale Brugg an der Aarauerstrasse alle Mitarbeitenden versammelt. «Wir wollen alle Fakten, die wir kennen, weitergeben. Die Mitarbeiter wollen die Information aus erster Hand.»

Kein Alkohol- oder Drogeneinfluss

Erste Abklärungen haben laut Knecht ergeben, dass der Chauffeur zum Zeitpunkt des Unfalls im Schritttempo unterwegs war und weder unter Alkohol noch unter Drogeneinfluss stand. Der Chauffeur ging am Dienstagmorgen auf das Strassenverkehrsamt, wo der Lastwagen einer technischen Prüfung unterzogen wurde. Für Knecht ist es wichtig, die Betreuung des Chauffeurs sicherzustellen, um mögliche Folgeschäden zu vermeiden.

«Der Chauffeur hat den Wunsch geäussert, sich im Betrieb mit einer anderen Tätigkeit ablenken zu können. Diesem Wunsch wollen wir entgegenkommen», so Knecht. «Wir wollen die Möglichkeit für eine aktive Verarbeitung des Unfalls im Team bieten.»

Erst vor zwei Wochen absolvierte der Chauffeur zusammen mit 17 weiteren Chauffeuren einen Sicherheitskurs, wo genau das Vermeiden solcher Situationen geübt wurde. «Jetzt geht es darum, den Fall exakt zu analysieren und mögliche Lehren daraus zu ziehen», fasst Knecht die Situation zusammen.

«Am Dienstag und Mittwoch verkehren im Gebiet der Schule und des Kindergartens in Windisch keine unserer Lastwagen. Wir werden detailliert prüfen, wie wir mit den Gefahrenherden bei Schulen und Kindergärten in Zukunft besser umgehen können», betont Knecht.