Ein Schwarm Krähen verdunkelt den Himmel über dem Schlossbergplatz in Baden für kurze Zeit. Der Blick des jungen Mannes wandert zum Himmel. «Der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung angeklagt zu sein, überschattete mein Leben für zwei Jahre», sagt er nachdenklich.

Fall Nordportal

Der Fall Nordportal sorgte im Dezember 2011 schweizweit für Schlagzeilen: Eine 28-jährige Frau hatte ausgesagt, sie sei beim Eventlokal Nordportal in Baden vergewaltigt worden. Die Polizei verhaftete daraufhin einen 19-Jährigen. Dieser sagte zwar, dass es zwischen ihm und der Frau zum Sexualverkehr gekommen sei, doch dies sei einvernehmlich geschehen.

Im März 2012 teilte die Staatsanwaltschaft Baden mit, die Strafuntersuchung werde wegen Zweifeln an der Straftat eingestellt. Dagegen erhob die Frau Beschwerde, die vom Obergericht gutgeheissen wurde.

Ein anderer Staatsanwalt erhob Anklage. Beschuldigt der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung, musste sich der 19-Jährige vor dem Bezirksgericht Baden verantworten: Am 23. Januar wurde er freigesprochen. Das «Opfer» hatte sich vor Gericht in Widersprüche verstrickt. (elj)

Der 27-jährige Baselbieter setzt sich im Kaffeehaus an einen Tisch in der Ecke. Er wirkt schüchtern und viel jünger als er ist. Marco W. will reden - darüber berichten, wie ein vermeintlicher Täter zum Opfer wird. Der Fall Nordportal, bei dem neulich ein Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, hat ihn aufgewühlt und ihn an seine eigene Geschichte, seine erste Liebe, erinnert.

Marcos Hände zittern, als er erzählt, dass Lea (Name geändert) aus der Region Baden seine erste richtige Freundin war. 2009 habe er sie im Internet kennen gelernt. «Wir chatteten und telefonierten monatelang, bevor wir uns trafen.» Ihre erste gemeinsame Nacht verbrachten die beiden im Hotel Hilton in Zürich. «Sie war 19 und noch Jungfrau.» Kurz danach schliefen sie auf dem Badener Spielplatz im Graben zusammen. Zwei Liebesabenteuer, die Marco zehn Monate später zum Verhängnis werden sollten.

Nach nur zwei Monaten beendete Lea die Beziehung auf Druck ihrer Mutter mit einem SMS. Später folgte ein zweiseitiger Abschiedsbrief per Mail. «Darin schrieb sie, dass sie unter der Trennung leide. Ihre Mutter habe aber von ihr verlangt, dass sie Schluss mache und sich auf die Schule konzentriere.»

Marcos Blick wandert zum Fenster. «Ich war am Boden zerstört. Ich habe sie geliebt.» Vor lauter Verzweiflung fing Marco W. an, Lea zu stalken - fünf Monate lang. «Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass es vorbei ist», sagt er und fasst sich dabei ins Gesicht. Während er erzählt, dass er Lea Hunderte E-Mails schrieb, ihr täglich Nachrichten auf Facebook hinterliess und ihr einmal sogar heimlich nach Hause gefolgt war, werden seine Bewegungen mit den Händen immer hektischer. «Das alles war ein grosser Fehler», ist er sich bewusst.

Im August 2010, zehn Monate nach Beziehungsende, wurde Marco W. überrascht: Wie in einem Krimi holten ihn drei Polizisten in zivil um sechs Uhr morgens aus dem Bett. Nach einer Hausdurchsuchung und der Beschlagnahme seines Computers führten sie ihn in Handschellen ab und brachten ihn ins Untersuchungsgefängnis Waaghof in Basel. «Es war der schlimmste Moment meines Lebens. Ich wusste überhaupt nicht, worum es geht. Einer der Polizisten sagte lediglich, dass ein Mann von einer Sexualgruppe mit mir sprechen wolle.» Den Grund für die Festnahme erfuhr Marco später: Der Basler Haftrichter hatte ihn wegen Verdunkelungsgefahr zu 19 Tagen Untersuchungshaft verurteilt. Grund dafür war die Anzeige, die Lea fünf Monate nach Beziehungsende, also im März 2010, beim Bezirksgericht Baden eingereicht hatte.

Laut Klage sollte Marco W. Lea nicht nur belästigt, sondern zwei Mal vergewaltigt haben - das erste Mal im Hilton in Zürich und das zweite Mal auf dem Badener Spielplatz im Graben. «Lea behauptete, dass ich sie in die Kinderhütte gelockt und sie dort gegen ihren Willen entkleidet und vergewaltigt habe.» Während der Untersuchungshaft in Basel gab es diverse Einvernahmen mit der Kriminalpolizei Basel, dem Haftrichter und seinem eigenen Anwalt.

Die Angst, dass er seine Unschuld nicht beweisen und, wie vom Gegenanwalt gefordert, zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt werden könnte, wurde von Tag zu Tag grösser. «Ich wurde depressiv. Jedes Mal, wenn ich einen Brief vom Staatsanwalt erhielt, fiel ich in ein Loch.» Doch nicht nur Marco ging durch die Hölle. Seine Familie und seine Freundin, mit der er seit rund zwei Jahren zusammen ist, litten. Nach knapp vier Wochen Gefängnis wurde er nach Baden gebracht, wo er aus der U-Haft entlassen wurde.

Das Verfahren dauerte zwei Jahre. Eine Zeit, in der Marcos Leben lahmgelegt war. «Ich konnte weder arbeiten noch Zukunftspläne schmieden. Mein Leben war darauf ausgerichtet, auf das Urteil des Gerichts zu warten. Beschuldigt der Nachstellung, der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung, musste er sich im März 2012 vor dem Bezirksgericht Baden verantworten. «Es war ein seltsames Gefühl, vor dem Richter zu stehen.» Lea verstrickte sich während der Verhandlung in Widersprüche. Letztlich konnte Marco W. aufatmen. Das Bezirksgericht Baden sprach ihn wegen zu vieler Zweifel, mangelnder Beweise und wegen widersprüchlicher Aussagen vom Vorwurf der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung frei. Strafbar gemacht hatte er sich hingegen wegen der Nachstellung, wofür er eine Busse erhielt.

Weshalb ihn seine Ex-Freundin erst fünf Monate nach Beziehungsende angezeigt hatte, ist für Marco eindeutig: «Sie wollte sich an mir rächen, weil ich sie monatelang belästigt hatte.» Vor Gericht habe sie ausgesagt, sie habe so lange zugewartet, weil sie mit niemandem darüber habe sprechen können.

«Meine Horror-Geschichte nahm doch noch ein gutes Ende», sagt Marco. Er ist sich aber sicher, dass viele wegen Vergewaltigung verurteilte Männer unschuldig im Gefängnis sitzen. «Frauen, die unberechtigt Strafanzeigen wegen Vergewaltigung einreichen, schaden damit Frauen, die tatsächlich vergewaltigt wurden», meint er. Dann verabschiedet sich Marco W. und verlässt Baden. Die Stadt, in der seine erste Liebe fatale Folgen hätte haben können.