Eine Woche vor Weihnachten 2011 hatte der Fall weit über die Grenzen Badens hinaus für Aufsehen gesorgt: Eine angebliche Vergewaltigung mitten in der Stadt, bei einem beliebten Partylokal, hatte Rufe nach Vergeltung zur Folge.

Beschuldigt der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung, musste sich R. gestern vor Bezirksgericht Baden verantworten: Ein hübscher Bursche, nicht sehr gross, schlank, sympathisch, der erstaunlich gelassen wirkte.

R. hatte den sexuellen Kontakt zur 28-jährigen S., Mutter eines Sohnes nie geleugnet. Die Blondine sei ihm in jener Nacht im «Nordportal» sofort aufgefallen, «so wie sie ausgesehen und getanzt hat». Man habe sich gegenseitig vorgestellt, habe geflirtet, beim Tanzen Körperkontakt gehabt.

Der Nordportal-Prozess endete am Dienstag, 22. November 2013 mit einem Freispruch.
Quelle: TeleM1

Geschlechtsverkehr vor dem Lokal

Als das Lokal um vier Uhr schloss, hatte eine Securitas-Mitarbeiterin die beiden nachdrücklich zum Gehen aufgefordert: Das Paar hatte in einer Ecke intensiv geküsst und gefummelt, er mit seiner Hand in ihrer Unterhose.

Bis dahin stimmten die Angaben von ihm und ihr überein. Das war – im Prinzip – auch der Fall bei den Ereignissen, die sich dann draussen in einer «Pissnische», rund 40 Meter vom Eingang entfernt, abspielten. Er hatte sie oral befriedigt, dann sie ihn und schliesslich war er von hinten in sie eingedrungen. Sie habe gestöhnt, ihn gestreichelt, sich in keiner Weise gewehrt, sagt R.

Sie habe sich geekelt, habe es nicht gewollt, sagte S. – es allerdings geschehen lassen, weil er plötzlich «komische Augen» bekommen habe. S. erklärte vor Gericht weiter, sie habe das Gefühl gehabt, «nichts machen zu können». Um Hilfe geschrien habe sie nicht, dies aus Angst, dass es zu einer Schlägerei kommen könne.

Kollegen von R. hatten bei der Polizei Beobachtungen geschildert, die dessen Aussagen bekräftigten. Die beste Freundin von S. ihrerseits hatte nie einen Zweifel an deren Schilderungen. Zwei Securitas-Leute hatten die beiden eindeutig als Paar wahrgenommen: «Sie haben regelrecht aneinander geklebt», gab einer bei der Polizei unter anderem zu Protokoll.

Der Fall Nordportal

Im Dezember 2011 hatte eine 28-jährige Frau ausgesagt, sie sei beim Eventlokal Nordportal in Baden vergewaltigt worden. Darauf verhaftete die Polizei einen 19-jährigen Mann. Dieser sagte, dass es zwischen ihm und der Frau zum Sexualverkehr gekommen, dies aber einvernehmlich geschehen sei. Im März 2012 teilte die Staatsanwaltschaft Baden mit, die Strafuntersuchung werde wegen Zweifeln an der Straftat eingestellt. Dagegen erhob die Frau Beschwerde, die vom Obergericht gutgeheissen wurde. Ein anderer Staatsanwalt erhob Anklage, sodass nun das
Bezirksgericht Baden entscheiden musste, ob der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt war. (pkr)

Frage der Glaubwürdigkeit

Für den Staatsanwalt stand die Frage der Glaubwürdigkeit im Vordergrund. Jene der Frau stufte er als sehr hoch ein: R. habe zwar, wie das Opfer bestätigt, keine Gewalt angewendet, aber er habe «subtil, gezielt und bewusst das Opfer in eine ausweglose Situation gebracht.» Sein Antrag auf eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren sei tief, weil die Beweiskraft für die Schuld von R. nicht sehr gross sei.

Fall Nordportal: Falsche Anschuldigungen hinterlassen Spuren
Quelle: TeleM1

Die Verteidigerin, die einen Freispruch forderte, betonte unter anderem, dass eine 28-jährige Frau genügend Lebenserfahrung habe, um zu wissen, was ein Mann will, mit dem frau so intensiv knutscht wie S. in jener Ecke im Nordportal.

Widersprüche in Aussagen der Frau

Vor dem Urteil zeigte R. einen Anflug von Nervosität. Sie verflog aber im Nu, als der Freispruch verkündet wurde. Widersprüche in den Aussagen von S. und ihre Sicht der Vorkommnisse, die sich im Verlaufe ihrer Einvernahmen immer wieder geändert habe, hätten – zusammen mit den objektiven Aussagen der Securitas-Leute – erhebliche Zweifel an einer Vergewaltigung hinterlassen, so die Begründung von Präsidentin Gabriella Fehr. Zudem könne und müsse man von einer jungen, sportlichen Frau Gegenwehr erwarten.