Die lebhaftesten Zeiten hat sie hinter sich. Vor rund 30 Jahren, als in Badens Unterer Altstadt noch zwei Lebensmittelläden standen, die Restaurants und Cafés frühmorgens ihre Tore öffneten und die Gäste dort ihren Frühstückskaffee schlürften, damals herrschte noch heiteres Leben in in der Oberen und Unteren Halde. «Es tönt so blöd, wenn Leute sagen, dass früher alles besser war. Aber manchmal scheint es schon ein wenig so», heisst es im Halde-Coiffeur an der Spitzkehre zwischen den beiden Altstadtgassen.

Die stete Laufkundschaft, die ging den Altstadtgassen nahe der Limmat verloren. Doch dadurch ergab sich auch eine Chance: Dank relativ günstigen Mieten ist die Untere Altstadt nach und nach zu einem Pol für Kreative geworden. In den oberen Etagen der alten Häuser sind vermehrt junge Erwachsene eingezogen und auch in den Geschäften im Parterre hat sich etwas getan: Die Untere Altstadt erfährt neues Leben. Gefestigt hat sich diese Entwicklung vor rund drei Jahren mit der Eröffnung des Cafés Frau Meise, eindeutig das Flaggschiff der Wiederbelebung der Unteren Altstadt. Das heimelige Ambiente und die spürbare Hingabe der Cafébetreiberinnen hat aus «Frau Meise» einen Anziehungspunkt gemacht, der längst über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt ist.

Gestresster als früher

Die Besitzer der älteren Geschäfte in der Halde schwärmen alle vom Café Frau Meise. «Ich bin jeden Tag dort», sagt Sophie Jeuch, die im Haus gegenüber seit über 35 Jahren das Geschäft für Designermöbel Halde 14 führt. Früher sei es auch gang und gäbe gewesen, dass man unter den Nachbarn und Bekannten draussen vor den Geschäften zusammengesessen sei und am Abend noch ein Glas Wein getrunken habe. Heute seien die Menschen aber meistens gestresst und hingen an ihren Handys, statt sich ihrem Gegenüber zu widmen. Völlig dahin sind diese Zeiten aber nicht.

Das Café Frau Meise hauchte der Halde neues Leben ein.
Das Café Frau Meise hauchte der Halde neues Leben ein.
Quelle: Alex Spichale

Wer einen Nachmittag in der Unteren Halde verbringt, merkt rasch, dass der Umgang zwischen Ladenbesitzern und Kundschaft hier viel lockerer ist – und die Fachkompetenz grösser – als etwa in den grossen Ladenketten in der Weiten Gasse oder der Badstrasse. «Es ist etwas anderes, wenn ein gelernter Schuhmacher Schuhe verkauft – denn er versteht etwas davon», sagt Peter Fasnacht vom Geschäft Schuhhalt. Wenn er draussen vor seinem Laden Pause macht und eine Zigarette raucht, halten Passanten immer wieder an, zeigen ihm ihre losen Schuhsohlen oder lockeren Absätze und fragen ihn, wie man diese am besten reparieren könnte.

Halde soll Geheimtipp bleiben

Diese Spontaneität verleiht der Unteren Halde ein fast mediterranes Flair. Man bekommt rasch das Du angeboten und wird auf eine Tasse Kaffee eingeladen. «Es ist ein Ort, in dem man entschleunigen kann.» Für ihn ist klar: Die Halde soll durchaus ein Geheimtipp bleiben, doch es dürfen mehr Menschen in das Geheimnis eingeweiht werden. Ideen, wie man die Besucherfrequenz steigern könnte, hat er viele. So dürften etwa keine Lokale mehr leer stehen. Damit die Passanten die Halde ganz hinunterlaufen, müssten sie Meter für Meter etwas Neues zu entdecken haben. Hoffnung hegt er auch im Bezug auf das künftige Botta-Bad und die geplante Wiederbelebung des Bäderquartiers. «Wenn die Stadt die Limmatpromenade einladender gestaltet, könnte das neue Passanten in die Halde bringen.» Im Sommer erlebt man dies bereits, wenn die Beiz Triebgut geöffnet hat.

Abseits der typischen Flanierachsen bleibt die Untere Altstadt eine Fundgrube für kleine, einmalige Fachgeschäfte und kreative Köpfe. Wenige Meter vor der alten Holzbrücke führt Illustratorin Simone Bissig seit sechs Jahren mit drei Kolleginnen das kleine Geschäft Stich und Strich, das zugleich auch Werkstatt und Atelier ist. Sie bestätigt, dass die untere Altstadt in den letzten Jahren wieder an Leben gewonnen hat. «Früher waren es vor allem Anwohner, die hier vorbeikamen. ‹Frau Meise›, ‹Cava-Bar›, ‹Da Pippo› oder ‹Rebstock› haben ein neues Publikum hierher gebracht.»