Herr Cochet, als General Electric (GE) im Herbst ankündigte, zwei von sechs Firmen-Hauptsitzen in Baden anzusiedeln, war die Zuversicht gross, dass die Übernahme der Alstom-Energiesparte ohne Stellenabbau über die Bühne gehen könnte. Und nun die Hiobsbotschaft.

Philippe Cochet: GE hat den Willen, im Aargau zu investieren und langfristig zu wachsen. Aber wir müssen uns auch den Bedingungen im Energiemarkt anpassen.

Und der Markt ist schlecht?

Der Energie-Konsum in Europa ist in den letzten Jahren gesunken, weil die Energieeffizienz steigt. Das Wachstum bei den erneuerbaren Energien macht zudem viel Druck auf Gas und Kohle. Zur Illustration: 2008 und 2009 wurden in Europa im Schnitt Wärmekraftwerke mit einer Leistung von sieben Gigawatt verkauft. 2014 und 2015 waren es im Schnitt weniger als ein Gigawatt.

Ein Stellenabbau im Aargau war aus Ihrer Sicht also unausweichlich?

Wenn der Markt schrumpft, wird die Konkurrenz aggressiver. Wir müssen kompetitiver werden, um in Zukunft wieder wachsen zu können.

Was, wenn Alstom die Energiesparte nicht an GE verkauft hätte?

Auch Alstom hätte Stellen abbauen müssen. Im Resultat hätte man also keine grossen Unterschiede gesehen. Der einzige: Dank dem Verkauf werden die Angestellten in Zukunft mehr Sicherheit haben, weil GE ein stärkeres Unternehmen ist. Es gab ja die zwei Möglichkeiten, alleine zu bleiben oder mit einem Stärkeren zusammenzugehen. Der Verkauf war der bessere Weg – für das Geschäft und für die Angestellten.

Ist es nicht so, dass GE in der Schweiz Leute entlässt, weil dies hier einfacher ist als etwa in Frankreich, wo der Regierung zudem das Zugeständnis gemacht wurde, 1000 Stellen zu schaffen?

Es gibt keine Job-Transfers von der Schweiz nach Frankreich. Und das Zugeständnis an die französische Regierung betrifft die Gesamtheit der Industrieaktivitäten von GE, wozu etwa auch die Healthcare-Sparte gehört. Im Wärmekraftwerk-Bereich werden auch in Frankreich Stellen abgebaut.

Trotzdem: Der Stellenabbau in der Schweiz ist weit grösser. Unter anderem wegen des starken Schweizer Frankens?

Die Währungssituation hatte keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess. Die Schweiz mag eine starke Währung haben. Sie hat dafür andere Vorteile wie gute Ingenieure und eine hohe Effizienz. GE hat eine gute Wahrnehmung der Schweiz.

Im Gegenzug sind die gestern angekündigten Pläne dem Ruf von GE in der Schweiz nicht gerade zuträglich. Wurde der Stellenabbau gut genug kommuniziert?

Wir mussten die Prozeduren beachten und haben die einzelnen Schritte zum korrekten Zeitpunkt kommuniziert. Wir waren sogar ziemlich schnell: Zwei Monate nach dem Closing wurden jetzt die Sozialpartner informiert.

Die Gewerkschaften hofften während des Übernahmeprozesses auf Job-Garantien von GE.

Wir leben nicht in einer Welt mit Job-Garantien. Man kann versuchen, generell Arbeitsplätze zu schaffen. Aber jemandem sagen, das machst du heute, und das in drei Jahren? Dafür verändert sich die Wirtschaft zu schnell.

Ist das vielleicht auch die Kultur eines amerikanischen Unternehmens, die jetzt hier Einzug hält?

Nochmals, man muss kompetitiv sein, um im Markt zu überleben. Ob man Alstom oder GE heisst: Ohne Anpassung geht es nicht.

Die Schweiz hat also einfach Pech, dass der Markt für die hier hergestellten Produkte und Dienstleistungen schrumpft?

In den nächsten Jahren bleibt der Gasmarkt sicher schwierig. Aber das kann sich auch wieder ändern. Zudem ist der Trend hin zur Digitalisierung eine grosse Chance für die Schweiz.

Inwiefern?

Wir sehen uns als digitales Industrie-Unternehmen. Und die Digitalisierung ist speziell für das Service-Geschäft, dessen Hauptsitz in der Schweiz ist, eine grosse Chance. Es könnten IT-Jobs geschaffen werden, aber auch Ingenieur-Jobs, weil die Maschinen mit Sensoren bestückt werden. Der Fokus auf die Digitalisierung fehlte bei Alstom.

Die Digitalisierung löst auch Ängste aus, weil sie in vielen Bereichen die menschliche Arbeitskraft ersetzt.

Nicht im Service-Geschäft. Wir brauchen die Digitalisierung, um besser zu verstehen, was mit unseren Maschinen passiert. Es ist wie bei einem Auto: Statt nach einer fixen Anzahl Kilometern zur Kontrolle zu gehen, sieht der Garagist via Sensoren, wenn in Ihrem Auto etwas nicht mehr richtig funktioniert. Bei Gasturbinen ist das genau gleich: Wir können unseren Kunden einen besseren und schnelleren Service bieten. Service-Leute brauchen wir aber nach wie vor.

Trotzdem baut GE zuerst mal Stellen ab. Falls das Geschäft wieder anzieht, könnte es schwierig sein, die geeigneten Fachkräfte zu finden.

Wie gesagt: Wir müssen uns dem Markt anpassen. Und GE wird attraktiv genug sein, um neue Generationen von Leuten anzuziehen.