Im Tattoostudio «Rock the Body» in Baden liegt eine junge, zierliche Frau mit weissen, fast grauen Haaren und eisblauen Augen auf der Liege. Danny, der Tätowierer und Inhaber des Studios, ist gerade dabei, ihr mit einem kleinen Brennwerkzeug eine Brandwunde in Form eines Symbols zuzufügen. Ruhig liegt die Frau dort, während der Tätowierer das sogenannte «Branding» auf ihrem Oberschenkel verewigt.

Die Elfenohren von Manuela Keusch

Die Elfenohren von Manuela Keusch

Anfang März flimmerten diese Szenen in der grossen «SAT.1 Doku» über den Fernsehbildschirm. Thema der Ausgabe vom 9. März war Körperkult: ungewöhnlicher Körperschmuck und die Menschen dahinter. Unter ihnen war Manuela Keusch. Unzählige Piercings und Tattoos schmücken den Körper der 22-Jährigen. Doch ist nicht der Ring, der in Nase steckt, oder die grossen Schriftzüge, die die Unterarme schmücken, Grund dafür, dass «SAT.1» sie in ihrer Sendung haben wollte, sondern etwas, das man nicht gleich sieht.

«Schmerzen super weggesteckt»

In der kleinen Wohnung in Hilfikon, in der Manuela Keusch mit einem ihrer drei Brüder direkt neben dem Bauernhof ihrer Eltern wohnt, läuft Metalmusik. Der Ausblick auf die grünen, ländlichen Weiden steht im Kontrast zu den vielen Filmpostern, die an den Wänden hängen. Ebenso tut es die liebenswürdige Art der Gastgeberin zu ihren vielen Tätowierungen und ihrer schwarzen Kleidung. Auf den ersten Blick fällt vor allem Manuela Keuschs Septum auf – ein Ring, der durch die mittlere Nasenwand gestochen wird.

Doch streicht die gelernte Hotelfachfrau ihre Haare aus dem Gesicht, und das tut sie oft, stechen plötzlich ihre Ohren ins Auge. Es sind Elfenohren, deren Enden spitz nach oben stehen. Erst vor kurzem hat sie sich diese im «Rock the Body» machen lassen. «Für die Elfenohren wird ein Teil des Knorpels hinausgeschnitten und dann wird das Ohr in die gewünschte Form zusammengenäht», erklärt Tätowierer Danny.

Keuschs Elfenohren seien wegen Tolkiens «Herr der Ringe» entstanden. «Ich bin ein riesiger Fan der Geschichte und der Filme. Da ist mir diese Idee gekommen», sagt Keusch. «Man merkt, dass Manuela ihre Leidenschaft für Herr der Ringe wirklich lebt. Sie hat die Schmerzen super weggesteckt», sagt Danny.

Gut und Böse in Haut verewigt

Nicht nur die Elfenohren, sondern auch ein Grossteil von Keuschs Tattoos sind von «Herr der Ringe» oder anderen Filmen wie «Star Wars» inspiriert. Körperschmuck habe sie schon früh fasziniert, sagt Keusch. Und sie zeigt gerne, was sie hat: Über den rechten Fuss und Unterschenkel zieht sich etwa die Landkarte von «Herr der Ringe» und das Symbol des Erfinders J. R. R. Tolkien. Und auf dem Rücken lugt ein Stormtrooper aus «Star Wars» aus dem Hosenbund heraus.

Beim Tätowieren sei sie aber nie an ihre Grenzen gekommen, sagt die ruhige Blondine. Deshalb ging sie in Sachen Körperkunst noch weiter als andere. «Ich wollte einfach auch Neues ausprobieren.» Als sie in der Fernsehsendung die Möglichkeit bekam, sich live einen neuen Körperschmuck machen zu lassen, entschied sie sich deshalb für ein «Branding».

«Ich habe das Symbol für ‹Sauron› gewählt, die dunkle Seite in der Geschichte von ‹Herr der Ringe›.» So habe sie nun mit den Elfenohren die gute Seite und mit dem Branding die böse Seite der Geschichte an sich verewigt, «im Leben braucht es ja auch beides», sagt sie. Bis anhin habe sie vorwiegend positive oder neutrale Reaktionen auf ihren Körperschmuck erhalten. «Die Leute schauen mehr, wenn ich mit zerrissenen Jeans in den Ausgang gehe», lacht sie.

Bei ihrer Arbeit als Rezeptionistin in einem Hotel am Hallwilersee muss sie die Tattoos zwar mit einem langärmligen Oberteil verdecken und die Piercings entfernen. Aber ihre Chefin erlaube ihr mittlerweile, die Elfenohren offen zu zeigen, weil sie Gefallen daran gefunden habe.

Vater findet es «bescheuert»

Auch Keuschs Mutter hat sich mit den Besonderheiten ihrer Tochter abgefunden. Anfangs etwas skeptisch, sei sie jetzt sogar stolz auf ihren Nachwuchs: «Während des SAT.1-Drehs war sie richtig aufgeregt und hat allen davon erzählt.»

Der Vater hingegen ist wohl ihr grösster Kritiker. Er sei von Anfang an gegen die Piercings und Tätowierungen gewesen, «beim Branding hat er nur noch gesagt, dass es bescheuert sei.» Doch das schmerzt Manuela Keusch wenig, sie spricht pragmatisch von den Konflikten mit ihrem Vater. Schon als sie das Septum stechen liess, musste sie aus dem Elternhaus ausziehen. «Er versteht das nicht. Er ist halt auf dem Land aufgewachsen.»

Abhalten von anderen Meinungen lässt sich Keusch nicht. Sie weiss schon jetzt, dass sie sich bald noch mehr Tätowierungen stechen lassen will. Ebenso ein Cutting, ein Symbol, das aus der Haut hinausgeschnitten wird, könne sie sich vorstellen. Auch wenn sie momentan keinen Freund hat: Dass ihre Körperverzierungen auf Männer abschreckend wirken könnten, denkt sie nicht. «Und ich will sowieso einen Mann, der mich so akzeptiert, wie ich bin. Das gehört nun mal zu mir.»

So stören sie auch Vorurteile wie «Menschen mit solchem Körperschmuck müssen doch einfach etwas kompensieren» nicht. Darauf reagiert Keusch gelassen: «Ich muss nichts kompensieren, ich empfinde es als optimieren. Ich fühle mich durchaus auch ohne Schmuck wohl, es gefällt mir aber noch besser mit etwas Farbe.»