Die Philosophie aus den Akademikerkreisen in eine breite Öffentlichkeit bringen: Das ist die Idee eines Philocafés. Es lädt die Bevölkerung ein, sich in lockerem Ambiente mit philosophischen Themen zu beschäftigen. Das erste Philocafé rief der Philosoph Marc Sautet 1992 in Paris ins Leben. Heute hat fast jede Stadt ihr Philocafé.

Im April soll auch Baden eines bekommen. Eine direkte Konkurrenz zum PhiloThiK, das regelmässig im Theater im Kornhaus stattfindet? Nein, findet Roman Günter, Leiter des Philocafés. Die beiden Veranstaltungen würden unterschiedliche Ziele verfolgen.

Während beim PhiloThiK vorwiegend bekannte Persönlichkeiten im Mittelpunkt stünden und das Publikum Fragen stellen könne, philosophiere man im Philocafé nach einer kurzen thematischen Einführung durch ihn als Leiter in einer kleinen Gruppe miteinander.

Der erste Zyklus im Badener Chorherrenhaus widmet sich während vier Abenden dem Begriff der Würde.

Herr Günter, was ist das Spannende am Thema Würde?

Roman Günter: Das fängt bereits bei der Definition an. Es gibt nicht die eine Würde. Ist sie angeboren? Kann man Würde verlieren? Bezieht sich der Begriff auf ein Individuum oder eine ganze Gattung? Wer oder was legitimiert Würde? Gibt es Zeitpunkte im Leben, wo Würde beginnt oder endet und was bedeutet das für Abtreibungen oder Organentnahmen?

Solche Fragen sind persönlich und verlangen Offenheit von den Teilnehmenden. Gelingt das in einer Gruppe, in der sich die Leute nicht kennen?

Das funktioniert meistens erstaunlich gut. Manchmal ist ein fremder Mensch kein Hindernis, sondern eher eine Hilfe. Einige Teilnehmer wären vor Familienmitgliedern wahrscheinlich gehemmter, weil sie glauben, dass sie deren Erwartungen erfüllen müssen.

Was müssen die Teilnehmenden mitbringen?

Sie dürfen unvorbereitet und ohne Vorwissen kommen. Die Hemmschwelle ist sowieso schon gross genug: Die Menschen haben zu grossen Respekt vor der Philosophie. Sie denken, man müsse dafür enorm belesen sein. Dem ist nicht so. Das Wesentliche geschieht im Moment. Wichtig ist die Bereitschaft, sich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen.

Was können die Teilnehmenden aus dem Philocafé mitnehmen?

Die Gespräche sind eine geistige Bereicherung. Viele philosophische Themen haben mit unserem Leben zu tun. Im Alltag ist man mit seinen Gedanken oft auf denselben Trampelpfaden unterwegs. Und am Esstisch wird meistens über das Gleiche gesprochen. Denkanstösse aus dem Philocafé können neuen Wind in alte Muster bringen.

Was motiviert Sie persönlich, Philocafés durchzuführen?

Es ist einerseits die Begeisterung für die Philosophie, die ich auf diese Art teilen kann. Andererseits möchte ich zusammen mit den Teilnehmenden lernen, Gedanken wirken zu lassen, und sich in andere Positionen hineinzudenken. Es soll, im Gegensatz zur Politik und zum Alltag, für einmal nicht darum gehen, Punkte zu sammeln oder recht zu bekommen.

Wie wichtig ist Ihre eigene Position?

Ich halte mich bewusst zurück. Ein Philocafé lebt von der Meinungsvielfalt. Es werden gemeinsam Denkoptionen entwickelt. Es gibt übrigens auch Themen, wo ich mich nicht festlegen kann und will, weil sich je nach Blickwinkel verschiedene Menschen- und Weltbilder eröffnen, die nebeneinander bestehen können.

Wie haben Sie eigentlich zur Philosophie gefunden?

Ich habe ursprünglich Mathematik und Psychologie studiert. Als ich 50 Jahre alt war, stellte sich mir die Frage, ob es das jetzt beruflich gewesen sei. Ich wollte unbedingt mehr darüber erfahren, was auf dieser Welt schon alles gedacht wurde. Aus diesem Grund habe ich mich für das späte Philosophiestudium entschieden und dieses als sehr bereichernd empfunden.