Gebühren
Aktualisiert am 22.05.11, um 10:56 von Marco Wölfli
 

Abwasser und Abfall: Der heimliche Standortvorteil der Gemeinden

Wasser ist kostbar, aber nicht überall kostet es gleich viel
Quelle: Chris Iseli
Abfall, Abwasser und Trinkwasser belasten jedes Haushaltsbudget. Ein Vergleich im Aargau zeigt: Die Unterschiede zwischen den grössten 29 Gemeinden sind riesig. von Marco Wölfli
 

Es gehört zu den Höhepunkten im Amt eines Gemeinde- oder Stadtammanns: die Ankündigung einer Steuersenkung. Lobende Worte und zufriedene Bürger sind ihm gewiss. Viele Aargauer Gemeinden locken auch explizit mit tiefen Steuern Zuzüger an. Hingegen spricht kaum jemand von den Gebühren für Abfall, Abwasser und Trinkwasser. Diese Gebühren stehen kaum im Fokus und lösen bei den Bürgern auch geringere Emotionen aus. Sie sind aber dennoch ein gewichtiger Kostenfaktor.

Wenn es um Gebühren geht, liefern sich die Gemeinden zwar noch keinen harten Standortwettbewerb wie bei den Steuern, trotzdem gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Gemeinden. Im April zeigte «Der Sonntag» wie hoch beziehungsweise wie tief die Gebühren in den Schweizer Städten sind. Wenn man den Blick nur auf die Aargauer Gemeinden richtet, zeigt sich ein ähnliches Bild.

Spreitenbach am günstigsten

Der Preisüberwacher erhebt die Gebührendaten für alle Orte mit mehr als 5000 Einwohnern. Im Aargau sind dies 29 Gemeinden. Mit dem Titel gebührengünstigste Gemeinde darf sich Spreitenbach schmücken. Dort sind die jährlichen Gebühren mit 529 Franken am tiefsten. Die Gebühren-Hölle im Aargau heisst Menziken. In der Wynentaler Gemeinde zahlen drei Personen in einer Vierzimmerwohnung 1109 Franken für Abfall, Trinkwasser und Abwasser.

Spreitenbachs Gemeindeammann Josef Bütler (FDP) freut sich über den Spitzenrang. Schliesslich ist es nicht alltäglich, dass Spreitenbach in einem Vergleich mit anderen Gemeinden auf dem ersten Platz liegt. «Ich freue mich über das gute Ergebnis für Spreitenbach. Unsere tiefen Nebenkosten sind ein Standortvorteil», sagt Bütler. In manchen Gemeinden, die tiefe Gebühren verrechnen, sind diese nicht kostendeckend. In Spreitenbach sei dies nicht der Fall, versichert der Gemeindeammann. Er begründet die tiefen Gebühren mit den schmalen Strukturen und der effizienten Arbeitsweise des Werkhofes. Das Trinkwasser könnte in Spreitenbach sogar noch günstiger sein als die 55 Rappen pro Kubikmeter.

Wie Bütler erklärt, verzichtet die Gemeinde aber auf eine weitere Preissenkung: «Wir wollen den Wert des Wassers erhalten.» Ein anderer Grund für die tiefen Gebühren ist die dichte Bebauung in Spreitenbach. Diese ermöglicht ein Leitungsnetz der kurzen Wege. Trotzdem: Wenn die Gebühren so tief sind wie in Spreitenbach, könnte der Service mangelhaft sein. Dieser Behauptung widerspricht Bütler vehement: «Bei uns wird der Abfall zweimal pro Woche abgeholt. Das ist schliesslich auch nicht überall so.»

Am teuersten ist es in Menziken

In Menziken ist es nicht so. Der Abfall wird jeweils am Montag abgeholt. Dennoch bezahlt man in Menziken die höchsten Gebühren im Aargau: Gemeindeammann Annette Heuberger wehrt sich gegen den Vorwurf, dass Menziken eine Gebühren-Hölle sei: «Man darf nicht nur die Zahlen anschauen, sondern auch was man dafür bekommt.» In Menziken werde auch Altpapier, Grüngut und Altmetall abgeholt. Dabei müsse nur für das Grüngut noch eine Etikette gekauft werden. Der Hauptgrund für die hohe Gebührenbelastung der Wynentaler Gemeinde sind die Kosten fürs Abwasser.

Ein Kubikmeter kostet rekordverdächtige Fr. 3.30. Heuberger begründet diesen Preis mit vorausschauendem Handeln: «Wir müssen bald wieder in unsere Kläranlage investieren. Um das zu finanzieren, sind die Abwassergebühren gerechtfertigt.» Andere Gemeinden mit tieferen Gebühren werde das auch noch betreffen, prophezeit Heuberger. In der Nachbargemeinde Reinach sind die jährlichen Gebühren 300 Franken tiefer. Heuberger glaubt trotzdem nicht, dass Menziken deshalb einen Standortnachteil hat: «Die eigenen Gebühren kann jeder für sich beeinflussen. Wer weniger Abfall produziert, bezahlt auch weniger.»

Die Gebühren in Menziken sind zwar hoch, vor zwei Jahren waren sie aber noch höher. Wegen Überdeckung wurde der Grundtarif für Abfall zweimal in Folge gesenkt.

Aargau deckt ganze Bandbreite ab

Im Vergleich mit anderen Schweizer Städten decken die Aargauer Gemeinden die ganze Bandbreite ab. Es ist zwar kein Ort aus dem Aargau so teuer wie die Stadt Bern als nationaler Spitzenreiter, Menziken kommt aber gleich nach der Bundesstadt. Die fünf Aargauer Gemeinden, wo die Gebühren mehr als 1000 Franken ausmachen (Menziken, Lenzburg, Windisch, Würenlos und Zofingen), sind ähnlich teuer wie Zürich, Neuenburg und St.Gallen. Die durchschnittlichen Gebühren in den 29 untersuchten Gemeinden im Aargau betragen 776 Franken. Das ist ein bisschen weniger als der nationale Mittelwert, der 846 Franken beträgt.

Die fünf günstigsten Gemeinden im Aargau (Spreitenbach, Oberentfelden, Bremgarten, Suhr und Fislisbach) verrechnen alle Gebühren unter 600 Franken. Damit bewegen sie sich im gleichen Rahmen wie die Günstigsten im nationalen Vergleich. Mit Ausnahme von Chur liegen diese allesamt in der lateinischen Schweiz.

 

(Der Sonntag)
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