Häusliche Gewalt
Aktualisiert am 10.04.11, um 16:15 von Fränzi Zulauf
 

Aargau will Tätern von häuslicher Gewalt helfen

Sowohl die Opfer als auch die Gewaltausübenden finden allein kaum mehr aus dem unheilvollen Kreislauf von Gewalt, Versöhnung und erneuter Gewalt hinaus.
Opfer von häuslicher Gewalt brauchen Hilfe und Unterstützung. Wenn sich aber längerfristig etwas ändern soll, muss es auch für die Täter eine Hilfestellung geben. Der Kanton Aargau ermöglicht und vermittelt entsprechende Lernprogramme. von Fränzi Zulauf
 

Nach der ersten Ohrfeige, dem ersten Tritt, den ersten wüsten Beschimpfungen gibt es manchmal kein Zurück mehr. Wer im familiären Umfeld Gewalt ausübt, gerät leicht in eine unheilvolle Spirale von Scham, Schuld, Hilflosigkeit und Minderwertigkeitsgefühlen – was wiederum zu weiteren gewalttätigen Reaktionen führen kann. «Die Täter finden in Konfliktsituationen oft keinen anderen Ausweg mehr», sagt Jann Weibel, Berater und stellvertretender Geschäftsführer der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Aargau (AHG).

«In ihrer Ohnmacht reagieren sie beispielsweise auf drängende Fragen, grossen Druck oder ein Verhalten, das ihnen nicht passt, mit Tätlichkeiten. Danach kehrt vordergründig Ruhe ein in der Familie. Doch natürlich ist das Problem damit nicht gelöst.» Vielfach entschuldige sich der Täter, zeige Reue, suche Rechtfertigungen wie «Du hast mich provoziert» oder «Mir ist einfach die Hand ausgerutscht». «Sie wollen die Verantwortung abgeben, oft an die Opfer selbst», erklärt Jann Weibel.

Beratung von Tätern

Diese versuchen, den entsprechenden ‹Fehler› künftig zu vermeiden. «Man spricht nicht mehr über die ausgeübte oder erlittene Gewalt. Bis ein nächster Vorfall das Fass wieder zum Überlaufen bringt», weiss Jann Weibel. «Das können Kleinigkeiten sein – ein Teller, der zu Bruch geht, ein nicht genehmes SMS auf dem Mobiltelefon der Frau, ein unbedachtes Wort.» Es entwickeln sich gefährliche Verhaltensmuster, die Gewaltspirale beginnt sich zu drehen. «Häusliche Gewalt ist oft ein Wiederholungsdelikt», sagt Jann Weibel. Als Risikofaktoren gelten, nebst der Unfähigkeit, sich auf angepasste Art mit Konflikten auseinanderzusetzen, unter anderem Alkohol und Drogen, Schulden, soziale Isolation und eigene Gewalterfahrungen.

Die Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt legt ein besonderes Gewicht auf die Beratung von Tätern und Täterinnen. Denn: «Täterarbeit ist Opferschutz», betont Jann Weibel. «Es ist wichtig, dass Gewaltausübende Zugang zu ihren Gefühlen finden», erklärt Jann Weibel. «Gerade Männer haben oft Mühe damit, ihre Grenzen wahrzunehmen. Sie sind überfordert und gestresst, können nicht umgehen mit dem Druck, unter anderem erfolgreich im Beruf sowie ein guter Ehemann und Vater sein zu müssen.

Und sie haben in der Gewaltanwendung eine absolut untolerierbare ‹Lösung› für ihre Probleme gefunden.» In den Beratungen wird versucht, den Tätern bewusst zu machen, wo die Probleme liegen und wie sie aus dem Kreislauf der Gewalt herausfinden können. «Ich erlebe, dass viele Männer ihre Familie lieben und grosse Angst davor haben, sie zu verlieren», berichtet Jann Weibel. Solche Täter, weiss er aus Erfahrung, sind am ehesten bereit, sich auf einen Lernprozess einzulassen. Zwingen kann man niemanden dazu. «Manche Täter», sagt Jann Weibel, «zeigen sich völlig uneinsichtig.»

Ein bis sechs Kurzberatungen können auf der Anlaufstelle selbst durchgeführt werden. Für eigentliche Lernprogramme werden die Täter weitervermittelt. Die Beendigung der Gewalt ist dabei das Ziel.

Reicht nicht nur, sich um Opfer zu kümmern

Der Kanton Aargau hat in zukunftsgerichteter Weise erkannt, dass es nicht reicht, sich nur um die Opfer zu kümmern. Sondern dass auch Täterarbeit notwendig ist, damit sich eine gewaltbesetzte familiäre Situation langfristig ändern kann. Seit dem 1.Oktober 2010 besteht ein Leistungsauftrag zwischen der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt und dem Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI). Die AHG hat damit den offiziellen Auftrag, Täter an Lernprogramme zu überweisen oder in eine individuelle Gewaltberatung zu vermitteln. Die zusätzlichen Mittel von 100000 Franken haben es der AHG ermöglicht, einen zusätzlichen Berater anzustellen.

Gemäss einem Vertrag zwischen den Kantonen Aargau und Baselland können Klienten aus dem Aargau das baselländische Lernprogramm in Liestal besuchen. Dieses Programm gegen häusliche Gewalt ist ein Angebot für Männer, die gewaltfreie Paarbeziehungen führen wollen. Es ist ein sechsmonatiges Gruppentraining, das unter fachlicher Anleitung eines Psychologen und einer Psychologin einmal wöchentlich am Abend durchgeführt wird. Lernziele sind der gewaltfreie Umgang mit Konflikten, die Entwicklung eines Unrechtbewusstseins, Selbstverantwortung und Sozialkompetenz.

Eine schon fast revolutionäre Neuerung erfolgte am 1. Juni: Seither werden die Meldungen der Kantonspolizei nicht mehr per Fax, sondern mittels eines Webformulars über das Internet an die AHG geleitet (CaseNet). Der Kanton hat Anfang Jahr eine Verordnung geschaffen, die dem Betrieb der webgestützten Software CaseNet eine gesetzliche Grundlage gibt und die Anbindung von anderen Akteuren an das System regelt. Bereits sind die Kinderschutzgruppen in Aarau und Baden an dieselbe Software angeschlossen, sodass diese nach einer Triage Zugriff auf die jeweils fallspezifischen Daten haben. «Mit CaseNet sind der Informationsaustausch und die Koordination von Massnahmen bedeutend einfacher und effizienter geworden», freut sich Jann Weibel. Vorbereitet wird auch der Anschluss des Schulpsychologischen Dienstes.

Die Polizei meldete der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Aargau im vergangenen Jahr insgesamt 506 Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Darin waren 1030 Personen involviert – Opfer, Täter und Täterinnen. 84 Prozent aller erwachsenen Opfer waren Frauen, Männer waren in 89 Prozent aller Meldungen die Gewaltausübenden. «Die Daten scheinen die Vermutung zu stützen, wonach häusliche Gewalt primär durch Männer verübt wird», hält Adrienne Marti, AHG-Geschäftsführerin im Jahresbericht 2010 fest. Allerdings erfolge die Einteilung in Opfer und Täter aufgrund einer Ersteinschätzung der Polizeibeamten vor Ort. Bei näherer Betrachtung werde bisweilen eine andere oder gegenseitig gewaltbeladene Dynamik festgestellt. Deshalb wird seit Juni 2010 in der Statistik die neue Kategorie «Aggressor/Opfer» geführt, bei der beide Beteiligten sowohl als Opfer als auch als Täter oder Täterin erfasst werden können. Bis Ende Jahr wurden 67 Frauen und 63 Männer dieser Kategorie zugeordnet – sie sind also gleichzeitig Opfer und Täter.


(az Aargauer Zeitung)
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