Karl August Häberli (Name geändert) musste 83 Jahre alt werden, um einmal vor Gericht geladen zu werden. Als Beschuldigter. Der Vorhalt der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau im Strafbefehl vom 14. Oktober 2016: Hausfriedensbruch. Die Staatsanwaltschaft verurteilte den in der Region Aarau wohnhaften Rentner zu einer bedingten Geldstrafe von 500 Franken. Über 1000 Franken hätte er aber in jedem Fall bezahlen müssen – 300 Franken Busse, den Rest Strafbefehlsgebühr und Polizeikosten. Doch Karl August Häberli focht den Strafbefehl an. Nun stand er in Aarau vor Gericht. Nach einer Stunde verliess er das Bezirksgerichtsgebäude – von Schuld und Strafe freigesprochen von Gerichtspräsident Andreas Schöb.

Karl August Häberlis Geschichte, so wie er und seine Anwältin sie erzählten, hört sich wie ein einziger Unfall an. Am 28. Mai 2016 kaufte der Senior in der Denner-Filiale in der Aarauer Telli für rund 120 Franken ein. Nach der Kasse packte ihn ein Security-Mann, durchwühlte seine Einkaufstasche mit deutscher Gründlichkeit und förderte ein Säcklein Reibkäse zutage. Kostenpunkt: Franken eins fünfundneunzig. Auf dem Kassenzettel gab es jedoch keinen Reibkäse.

Diebstahl war wohl nicht beabsichtigt

«Ladendiebstahl», bedeutete der Wachmann dem verdutzten alten Mann, liess ihn ein paar Formulare unterschreiben, knöpfte ihm 150 Franken ab und entliess ihn mit einem Hausverbot für die nächsten zwei Jahre. Häberli hatte nur noch eines gewollt: schnell nach Hause zu seiner kranken Frau. Ein Doppel der unterschriebenen Papiere erhielt er nicht.

Wie der Käse in die Tasche kam statt in den Einkaufswagen, kann sich Häberli auch nicht schlüssig erklären. Nur: «Warum», fragte Verteidigerin Marianne Wehrli vor Gericht, «hätte er ein Säcklein Reibkäse stehlen und gleichzeitig die restlichen Einkäufe im Wert von 120 Franken korrekt an der Kasse bezahlen sollen?» Der Wachmann hatte in seinem Rapport von einem doppelten Boden der Tasche, einer Vorrichtung zum Klauen, geschrieben. Eine Kartonverstärkung, wie sie solche Taschen häufig aufweisen würden, sei das gewesen, sagte dazu die Verteidigerin.

Zufälliges Wiedersehen

Um den Käse ging es vor dem Bezirksgericht aber gar nicht. Sondern um einen Vorfall, der sich zwei Monate später, am 20. Juli 2016, im Wynencenter in Buchs abspielte. Auf dem Weg vom Parkhaus zur Rolltreppe, die zum Migros-Supermarkt hoch führt, warf Karl August Häberli einen Blick auf die Gemüseauslage der gleich links nach dem Eingang zur Mall gelegenen Denner-Filiale. Dann schob er seinen Einkaufswagen weiter und als er auf der Rolltreppe einen Blick zurückwarf, blickte er in ein ihm bekanntes Gesicht. Das war doch der Mann, der ihm in der Telli die 150 Franken abgeknöpft hatte!

Häberli regte sich auf: Während einer haben Stunde, kreuz und quer durch den Migros-Supermarkt, habe ihn der Security-Mann bespitzelt. Nach der Kasse habe er ihm abgepasst, «vor all den Leuten» nach dem Einkaufswagen gegriffen und gesagt: Wir kennen uns doch?» Was nicht in Ordnung sei, habe er zurückgefragt. Der lästige Begleiter habe ihn bis zum Parkhaus nicht mehr losgelassen und dort ihn, sein Auto und dessen Kennzeichen fotografiert. Zum Abschied habe ihn der Security-Mann wissen lassen, er werde die Polizei anrufen. Die erschien dann am Wohnort des 83-Jährigen und befragte ihn – wie er betonte, «zwischen Tür und Angel».

Eigentlich ging es einzig um die Frage, ob Häberli beim Betrachten der Denner-Früchte-Auslagen den Fuss nur auf die beigen Bodenplatten der Mall oder auch auf die grauen der Denner-Filiale gesetzt hatte. Eine ganz schlüssige Antwort scheinen die Bilder der Überwachungskamera nicht geliefert zu haben. Immerhin: Objektiv sei der Tatbestand des Hausfriedensbruchs wohl erfüllt, stellte Gerichtspräsident Andreas Schöb vorsichtig fest. Allerdings sei dies für das Urteil nicht von Bedeutung.

Schöbs zentrale Begründung für den Freispruch: Innert der gesetzlichen Frist von drei Monaten sei kein gültiger Strafantrag eingegangen. Schon der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft hätte einen solchen vorausgesetzt. Laut Strafprozessordnung wird bei Antragsdelikten ein Vorverfahren erst eingeleitet, wenn der Strafantrag gestellt oder die Ermächtigung erteilt wurde.

Rückwirkende Vollmacht?

Der Vorfall im Wynencenter ereignete sich am 20. Juli 2016. Ein Strafantrag wurde zwar noch gleichentags gestellt – vom stellvertretenden Leiter des Sicherheitsdienstes. Dieser, so Gerichtspräsident Schöb, sei zu jenem Zeitpunkt jedoch gar nicht dazu legitimiert gewesen, da eine entsprechende Vollmacht des «geschädigten» Detailhändlers fehlte. Eine Generalvollmacht erhielt der Mann laut Häberlis Verteidigerin von der Denner AG am 5. September 2016 im Zusammenhang mit einem Strafverfahren gegen eine andere Person. Sie enthielt aber, so Marianne Wehrli, «keine Klausel, wonach die Vollmacht rückwirkend ausgestellt wurde».

Da kein gültiger Strafantrag vorgelegen habe, erklärte Gerichtspräsident Schöb, müsse zwingend ein Freispruch durch das Gericht erfolgen. Nach dieser Logik hätte die Staatsanwaltschaft am 14. Oktober 2016 gar keinen Strafbefehl ausstellen dürfen. Oder, wie sich die Verteidigerin ausdrückte: «Die Staatsanwaltschaft handelte eigenmächtig, ohne Auftrag des betroffenen Detailhändlers.»

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ist da gänzlich anderer Meinung. Aus ihrer Sicht, heisst es auf Anfrage der az, sei die Bestrafung «absolut zu Recht» erfolgt. Der Unterzeichner des Strafantrags vom 20. Juli 2016 sei mit Schreiben vom 5. September ausdrücklich bevollmächtigt worden, Strafanträge zu unterzeichnen. Unterschrieben war diese Vollmacht von zwei Vertretern der Denner AG, unter anderem von CEO Mario Irminger. – Eine Generalvollmacht für alle Fälle dieser Art, liess Gerichtspräsident Schöb in der Urteilsbegründung durchblicken, sei für ihn kein Problem. «Mit der Rückwirkung hätte ich aber schon Mühe.»

Berufung angekündigt

Ob das Hausverbot zulässig war, sei in diesem Verfahren nicht von Bedeutung, sagte der Richter. Dem 83-Jährigen gab er gleichwohl den Rat mit auf den Weg, alle Denner-Filialen in den nächsten anderthalb Jahren zu meiden, wenn er sich ähnlichen Ärger ersparen wolle. Freilich hat auch Karl August Häberlis bisheriger Ärger noch kein Ende. Auf Anfrage der az bestätigte Urs Hoppler, Stellvertretender Leitender Staatsanwalt Lenzburg-Aarau: «Wir werden, sobald das Urteilsdispositiv vorliegt, Berufung anmelden und den Fall an das Obergericht weiterziehen.»