Der Begriff der konkreten Kunst, der Mitte der 1920er-Jahre von Theo van Doesburg geprägt wurde, kennt zahlreiche Ausdrucksformen. Wer die einschlägigen Namenslisten durchgeht, ist erstaunt über die erwähnten wie auch die fehlenden Namen. Dass Heinrich Gisler selten auftaucht, erstaunt, hat doch gerade er sich an das Verdikt, wonach konkrete Kunst im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht, fast ein Leben lang gehalten.
Landschaften, Porträts
Und doch lässt sich sein Beitrag zu dieser internationalen Kunstströmung als der eines Abseitigen sehen, denn Gisler hat sein geometrisches Werk aus einem gegenständlichen heraus entwickelt. Die Werke, die bis Ende der 1950er-Jahre entstanden sind, thematisieren Landschaften, Porträts und Pflanzen. Im gesamten Frühwerk ist bereits eine Affinität zu expressiver und geometrischer Kunst zu erkennen und es erstaunt kaum, dass Heinrich Gisler später zu einem eigenen Stil gefunden hat. Diese Entwicklung erklärt aber auch, weshalb er auf den Listen geometrischer Künstler fehlt. Denn diese deklarierten ihre Kunst nicht unbedingt als abstrakt, da sie nichts in der materiellen Realität Vorhandenes abstrahiert, sondern gerade umgekehrt Geistiges materialisiert. Abseits der gängigen Pfade der konkreten Kunst entwickelte Gisler ein eigenständiges Werk, dass ein Jahr nach seinem Tod in einer eindrücklichen und von Alain Michael Gafner mit grosser Einfühlung eingerichteten Retrospektive zu sehen ist. Heinrich Gisler selbst hat seine Kunst, die sich Anfang der 1960er-Jahre geometrisch zu äussern begann, in unterschiedliche Zeiten eingeteilt. Auf die Zeit der Quadrate folgt die Zeit der Balken, der Kreuzungen, der Dreiecke und der Kreise. Die Flächen, Strecken sowie Winkel seiner Bilder und Zeichnungen
hat er mit der Fibonacci-Reihe berechnet.
Es ist dies eine unendliche Reihe von Zahlen, bei der sich die jeweils folgende Zahl durch die Addition der beiden vorherigen Zahlen ergibt, also 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 und so weiter. Heinrich Gisler findet aber zu einem sehr freien und auch spielerischen Umgang mit dieser Zahlenprogression. Er entwickelt ein neues System der Komplementärfarben, das ihm unkonventionelle Farbkombinationen erlaubt und er setzt die Farben oftmals in polarisierenden Nuancen und verschränkenden Formen zueinander.
Bemerkenswerte Entwicklung
Spannend sind vor allem seine zahlreichen Zeichnungen. Auf ihnen sind die Berechnungslinien in Bleistift noch gut zu sehen, denn sie wurden nicht zugunsten eines Bereinigungsprozesses ausradiert. Dadurch bleibt der Entwicklungsprozess des künstlerischen Schaffens sichtbar – eine Seltenheit in der konkreten Kunst. Die tiefen Preise der Werke macht es möglich, auch heute noch Spitzenwerke dieses innovativen Künstlers preisgünstig zu erwerben. Heinrich Gisler ist der Erfolg auch postum zu wünschen.
Heinrich Gisler In Ordnung, Zofingen, Altes Schützenhaus , bis 1. April. www.kunsthauszofingen.ch