Hannes (alle Namen geändert) ist Fan des FC Aarau und fest überzeugt, dass das Stadion bald gebaut wird. Das sagte er zumindest in der Verhandlungspause seinem Verteidiger. Aber eigentlich hatte Hannes zu diesem Zeitpunkt andere Sorgen. Denn die Aarauer Bezirksrichter entschieden im Nebenraum gerade, ob er hinter Gitter gehört oder nicht.

In Hannes’ Fall begann das Unheil immer im Penny Farthing Pub an der Aarauer Bahnhofstrasse, dem Stammlokal der FCA-Fans. Am 22. November 2014, einem Samstagabend, waren ein paar von ihnen auch dort. Der FCA hatte an diesem Abend keinen Match. Wohl aber der FC Zürich, nämlich in Sion. Und als dessen Fans auf dem Heimweg mit dem Extrazug Richtung Aarau fuhren, hatten sie die glorreiche Idee, die FCA-Fans aufzufordern, «sich zu stellen, ansonsten werde das Penny’s gestürmt». So steht es zumindest in der Anklageschrift.

Fakt ist: Die Zürcher zogen auf Höhe Aarau die Notbremse, etwa 50 von ihnen stiegen aus dem Zug, liefen über die Geleise und prügelten sich auf dem Perron mit gut 40 herbeigeeilten Aarauern. Es flogen Steine, Stöcke und Fäuste. Mit dabei: Hannes. Er habe sich eigentlich gar nicht prügeln wollen und sei nur aus Gruppendruck mit zum Bahnhof gegangen, sagte er vor Gericht. Als es «geknallt» habe und ihn die ersten Steine erwischten, zog er sich zurück und zur Verteidigung den Ledergürtel aus der Hose. «Ich bin eigentlich zu alt für den Scheiss», sagt der heute 39-jährige Deutsche. Angeklagt war er wegen Landfriedensbruch und Störung des Bahnverkehrs, musste doch der Zugverkehr beim Bahnhof teils eingestellt werden.

FCZ gegen FCA: Massenschlägerei im November am Bahnhof Aarau. (November 2014)

War es Notwehr?

Der weit schwerwiegendere Vorwurf – versuchte schwere Körperverletzung – geht auf ein Ereignis ein halbes Jahr später zurück. Hannes stand beim Feierabendbier vor dem Penny’s, als Kevin vorbeikam, mit dem er das Heu noch nie auf der gleichen Bühne hatte. Als Kevin die Treppe vor dem Pub hochging, schmetterte ihm Hannes eine halbvolle Bierflasche mitten ins Gesicht, worauf das Opfer die Treppen wieder herunterstürzte. Kevin kam mit diversen leichten bis mittelschweren Verletzungen davon, die im Spital ambulant versorgt wurden. Gearbeitet hat er seither nicht mehr, momentan lebt er von Sozialhilfe.

Hannes verliess das Lokal, rief aber noch von unterwegs die Kantonspolizei an und sagte, er habe sich bedroht gefühlt und dann zugeschlagen, das sei ein Fehler gewesen und es tue ihm leid. Drei Tage sass er danach in der Untersuchungshaft.

Auch vor Gericht zeigte sich Hannes reuig. Er habe aus Angst überreagiert, als Kevin mit erhobenem Arm auf ihn zukam. Denn in den Wochen und Monaten zuvor habe Kevin ihn mehrfach verbal und teils körperlich angegangen. Das Opfer behauptete hingegen vor Gericht, es habe Hannes gar nicht gesehen und sei nur zum Bierholen ins Penny’s gegangen.

Teilweiser Freispruch

Das Gesamtgericht liess sich bei der Urteilsberatung Zeit. «Eingetreten ist zwar eine einfache Körperverletzung, es hätte bei diesem Schlag gegen den Kopf aber auch gut eine schwere sein können», sagte Gerichtspräsident Andreas Schöb. Zeugenaussagen stützten aber die Version des Angeklagten, wonach Kevin nicht nur zufällig an ihm vorbeigegangen, sondern eben bewusst auf Hannes zugelaufen sei. Möglicherweise mit erhobenem Arm. Es habe für Hannes also eine Notwehrsituation bestanden – allerdings sei seine Reaktion ein Notwehrexzess und als versuchte schwere Körperverletzung zu taxieren.

Hannes wurde auch des Landfriedensbruchs schuldig gesprochen. Einen Freispruch erhielt er bezüglich Störung des Bahnverkehrs. Gerichtspräsident Schöb hielt klar fest, dass es die Zürcher Fans gewesen seien, die den Zug zum Anhalten zwangen, über die Geleise liefen und die Prügelei in Gleisnähe anzettelten.

Hannes, derzeit arbeitssuchend, wurde verurteilt zu einer bedingten Geldstrafe von insgesamt 18'900 Franken, zahlen muss er eine Busse von 3500 Franken. Damit dürfte er zufrieden sein – der Staatsanwalt hatte 30 Monate Freiheitsstrafe, davon 12 unbedingt gefordert.