Jetzt muss er Beweise haben. Beweise für etwas, das er seit je weiss. Und sein Leben ist lang, 89 Jahre. Boris war Verdingbub, wurde in Küttigen, Gränichen, Oberentfelden und Buchs untergebracht. Jetzt, ein Leben später, muss er das beweisen, muss bei Gemeindeverwaltungen und am Bezirksgericht nach Belegen suchen. Sonst gibt es keine Opferentschädigung.

Boris’ Geschichte ist eine traurige. Deshalb möchte er auch nicht mit seinem echten Namen auftreten, er will kein Mitleid. Beginnen tut diese Geschichte also in der Aarauer Halde, dem damaligen Armenviertel. Hier wird Boris im Januar 1928 geboren. Die Eltern haben seinetwegen heiraten müssen, diese Schuld wird ihm seine Mutter ein Leben lang nachtragen. Der Vater ist ein liederlicher Lump, lässt Frau und Kind meist allein. Nach der Geburt der ersten Schwester 1930 verbringt der Vater kaum noch einen Tag daheim, schickt auch kein Geld. 1935 kommt er für ein paar Tage nach Hause, bevor er mit einer verheirateten Frau durchbrennt, in die Tschechoslowakei, seine alte Heimat. Es ist das letzte Mal, dass Boris seinen Vater sieht. Aber der Vater hat etwas zurückgelassen: Die Mutter ist wieder schwanger. Ein hungriges Maul mehr.

Mit einer Büchse Thon auf Reise

Die Mutter hat keine Wahl. Sie beginnt eine Arbeit in der Schuhfabrik Bally in Schönenwerd, bekommt rund 110 Franken pro Monat. Die Kinder lässt sie in der Krippe, von frühmorgens bis spätabends. Erst als Boris in die Schule kommt, lernt er die Nachbarskinder kennen, führt mit ihnen Krieg gegen die Kinder der Schachen-Bauern oder spielt «Büchse-Umetschutte». In die Schule geht Boris gern, er ist ein schlaues Kerlchen. Aber hier wird das Gefälle sichtbar, auch für den Sechsjährigen. Das Gefälle zwischen Arm und Reich. Die mit den geflickten Kleidern, die mit den schönen Kleidern. «Und dann war da diese Schulreise», sagt Boris. Rasch, rasch, habe die Lehrerin eines schönen Morgens gesagt, rennt heim, holt etwas zu Essen und zu Trinken, wir machen einen Ausflug. Er sei also nach Hause gerannt und habe etwas Essbares gesucht. «Ich fand eine Büchse Thunfisch, mehr nicht.» Am Abend gab es für die Familie nichts zu essen, Boris hatte mit dem Thunfisch die letzte Ration gegessen.

1000

bis 1500 Verdingkinder leben nach Schätzungen der Opferhilfe Aargau Solothurn in den beiden Kantonen. Seit Januar 2017 bis Ende März 2018 können Betroffene ihr Gesuch um Entschädigung beim Bund einreichen. Dieser entschädigt die Opfer von Zwangsmassnahmen mit insgesamt 300 Millionen Franken, die auf Gesuch hin und in gleichen Teilen ausgezahlt werden. Die Opferhilfe Aargau Solothurn bietet Unterstützung bei der Aktensuche und der Bearbeitung des Gesuchs: 062 835 47 90.

Wenn Boris diese Geschichten erzählt, dann lacht er viel. Nicht verächtlich, auch nicht laut, aber er lacht echt. Er hat Frieden geschlossen mit seiner Geschichte. Und er sagt, seine Zeit als Verdingkind sei nicht etwa die schlechteste in seinem Leben gewesen.

Im April 1937 wird es dem Armenerziehungsverein Aarau zu bunt. Weil die Mutter die Miete nicht bezahlen kann, zieht die Familie ständig um, die Kinder sind vernachlässigt und unterernährt. Sie habe «schon ausserordentlich viel von der privaten Wohltätigkeit genossen», schreibt eine Amtsstelle im schroffen Ton über die Mutter, nun könne «diese nicht mehr weiter in gleicher Weise ausgepumpt werden».

Boris und seine ältere Schwester werden verdingt. Er kommt für ein monatliches Kostgeld von 30 Franken nach Küttigen zur Familie eines Fabrikarbeiters, die Schwester für 45 Franken in die Ostschweiz. Die jüngere bleibt Tag und Nacht in der Krippe.

«Heimweh? Wonach denn?»

Vor und nach der Schule muss Boris arbeiten, sammelt Tannzapfen und Holz für den Ofen oder holt Früchte, um Konfitüre zu kochen, meist kommt er erst spätabends dazu, Hausaufgaben zu machen. Nach zweieinhalb Jahren in Küttigen kommt Boris zu einem Bauern nach Gränichen. Auch da muss er arbeiten, im Stall. Aber hier findet der Elfjährige auch das grösste Glück, im WC-Häuschen auf dem Acker: die zu Toilettenpapier zurechtgerissene Zeitung. «Ich habe stundenlang da gesessen und gelesen.» Die Nachrichten aus aller Welt wurden Boris grösste Freude, bald wusste er besser Bescheid über weisse Elektrizität oder den chinesisch-russischen Krieg als der Lehrer an der Bezirksschule.

Von Gränichen wird Boris nach ein paar Wochen in Oberentfelden schliesslich nach Buchs gebracht. 1942 kommt Boris nach Hause, nach fünf Jahren. Fünf Jahre ohne Kontakt mit der Mutter, weder am Geburtstag noch an Weihnachten. Hatte er nie Heimweh? «Wonach denn?», fragt Boris zurück. Seine Mutter habe ihn nie geliebt, er sei ja schuld an ihrem Elend gewesen. Sie sei eine nervöse, abgeschaffte Frau gewesen. «Aber meine Schwestern, die hat sie vergöttert.» Wenn denn einmal Geld da war, habe sie alles für die Mädchen ausgegeben, habe all ihre Wünsche erfüllt. «Dass wir danach nichts mehr zu Essen hatten, war ihr egal. Sie konnte es einfach nicht mit dem Geld.»

Nach der Schule will Boris Schriftsetzer lernen. Doch das Geld für eine Ausbildung fehlt. Also arbeitet er als Bote, schuftet in der Fabrik und stellt Kegel. Erst 1956, als er bereits verheiratet ist und selber zwei Buben hat, macht er eine Ausbildung. Boris besucht die Abendschule, zehn Jahre lang, bis er eidgenössisch diplomierter Handelsreisender ist. Von da an sei sein Leben ein Gutes gewesen, sagt er.

Den Vater nicht gefunden

Boris hat keine quälenden Erinnerungen an seine Zeit als Verdingbub: «Ich habe es nicht schlecht getroffen», sagt er. Natürlich habe er mal eins an den Kopf bekommen, aber das sei früher halt normal gewesen. «Aber mir ging es besser als daheim, ich hatte wenigstens ein Bett und jeden Tag etwas zu essen.»

Schweiz: Das Schicksal der Verdingkinder | Weltbilder | NDR

Bis in die 80er-Jahre wurden Waisen oder Kinder armer Familien auf behördliche Anweisung auf Bauernhöfe "vermittelt". Tausende mussten neben harter Arbeit auch Missbrauch ertragen.

Schlecht sind höchstens die Erinnerungen an die Eltern, insbesondere den Vater. Den hatte er noch gesucht, besuchte sogar dessen Heimatdorf in Südmähren, einen Weinbauort. Boris holt drei dicke Bücher aus dem Regal, die Dorfchronik, es gab viel zu schreiben über den Ort.

Er blättert den einen Band durch, da ist ein Bild von ein paar jungen Männern, die in Hemden und Hosenträgern vor Weinfässern posieren. Vielleicht ist ja einer davon Boris’ Vater? Er weiss es nicht. Er hat ihn nicht gefunden. Es gab zu viele mit dem gleichen Familiennamen. Und an sein Gesicht kann er sich nicht mehr erinnern.

Keine einfache Suche

Und jetzt muss Boris diese Geschichte also beweisen. Keine einfache Suche für ihn. Boris hat keinen Internetanschluss, er geht persönlich vorbei auf den Gemeindekanzleien, mit dem Bus, das Autobillett hat er vor Jahren freiwillig abgegeben. 25-mal sei er raus, um die Formulare zu sammeln. Denn auch auf den Kanzleien sei es nicht einfach, eine Bestätigung zu erhalten. Das Problem: «Früher nannte man sich häufig nicht bei Vor- und Nachname, sondern mit Übernamen.

Diese Übernamen kennt heute keiner mehr.» Also muss Boris erklären, wo der Hof gelegen hat und wie die Familienmitglieder mit Vornamen hiessen, wenn er sich noch daran erinnert. Wobei, Boris erinnert sich an viel, ausgesprochen viel. Das sei der Sport, sagt er, viermal in der Woche geht er ins Training, das bringe das Blut in Bewegung. «Und Blut tut dem Hirn gut.»

Vor ein paar Tagen hat Boris sein Gesuch eingereicht. Dass er nun entschädigt wird, ist für ihn eine Genugtuung, wenn auch viele Jahre zu spät. Angewiesen auf das Geld sei er nicht mehr. Viel wichtiger ist ihm etwas anderes: «Dass man diese Geschichten nicht vergisst, dass man sich bewusst ist, wie schlecht es gewissen Leuten vor ein paar Jahrzehnten ging, wie schlecht und abschätzig sie behandelt wurden. Und das in der Schweiz.»