Es war der 7. September im Jahr 1886, als Max Dätwyler zur Welt kam. Als Sohn des Unterentfelder Hoteliers Gottlieb Dätwyler wuchs er in Arbon (TG) in einer zuerst friedlichen Welt auf.

Im August 1914, vor genau hundert Jahren, verweigerte er als 28-Jähriger den Fahneneid aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg. Er setzte sich von da an für den Frieden ein. Unzählige Male wanderte er dafür ins Gefängnis oder in die Irrenanstalt und liess sich dennoch nicht von seiner Überzeugung abbringen. Oft als Spinner abgetan, predigte er unermüdlich von der Nächstenliebe und dem Frieden. Die weisse Fahne war sein Markenzeichen. 1976 starb Max Dätwyler, doch als Symbolfigur für den Frieden und erster Kriegsdienstverweigerer der Schweiz wurde er erst nach seinem Tod anerkannt.

Hundert Jahre später hat sich nun ein Künstler in Oberentfelden vom Friedensaktivisten mit den Unterentfelder Vorfahren inspirieren lassen: David Spielmann machte am Wochenende in Zürich mit einer Kunstperformance auf das Wirken des gestern Sonntag vor 128 Jahren geborenen Max Dätwyler aufmerksam. Die
az hat nach der Aktion mit David Spielmann über «den Mann mit der weissen Fahne» gesprochen.

Herr Spielmann, wie sind Sie überhaupt auf Max Dätwyler gestossen?

David Spielmann: Natürlich habe ich ihn nicht zu seinen Lebzeiten erlebt. Mein Vater hat mir die Geschichte dieses ausserordentlichen Mannes erzählt. Max Dätwyler und seine Überzeugungen haben mich fasziniert und so habe ich die Biografie gelesen und mich auch mit seinen Büchern «Erlebnisse in der Irrenanstalt» und «Die Friedensarmee» auseinandergesetzt. So konnte ich mir ein Bild machen.

Was fasziniert Sie am Leben dieses Mannes?

Max Dätwyler ist seinem Herz gefolgt, obwohl er sich dazu den damaligen Konventionen widersetzen musste. Er liess sich von seinen Friedensaktivitäten nicht abhalten, obwohl seine Erfolge nicht sehr gross waren.

Wie würden Sie sein Schaffen kurz
zusammenfassen?

Max Dätwyler war total aufopfernd. Er folgte seiner Vision, Frieden in die Welt zu bringen. Er hat dafür auch seine Familie vernachlässigt. Obwohl seine grosse Vision, «der totale» Weltfrieden viel zu gross war, hat er mit einer kindlichen Naivität daran festgehalten.

Erreicht hat der geborene Unterentfelder aber nicht so viel, oder?

Nein, zumindest nicht so, wie er sich das vorstellte. Mit seiner weissen Fahne wollte er zum Weissen Haus, zum russischen Präsidenten oder auch zu Hitler, um mit den grossen Machthabern zu reden. Er lief zum grossen Teil diese weiten Strecken zu Fuss. Er wurde aber nur selten empfangen. Auch in der Schweiz war er der Regierung eher ein Dorn im Auge, wurde bestenfalls belächelt.

Sie selbst waren dieses Wochenende in Zürich wie damals Dätwyler mit einer weissen Fahne unterwegs. Was war das Ziel dieser Aktion?

Das Hauptziel war, der Botschaft dieses aussergewöhnlichen Mannes wieder Gehör zu verschaffen. In einer Zeit wie dieser, in welcher man das Gefühl bekommt, auf der ganzen Welt herrsche Krieg und Terror, ist es dringlicher denn je, dass sich die Menschen an die Botschaft des Friedens erinnern.

Was haben Sie denn den Menschen auf der Strasse erzählt?

Es gab einige interessante Gespräche. Ich habe auch Zitate wie dieses von Max Dätwyler an die Passanten verteilt: «Der Krieg beginnt wie alles andere nicht dann, wenn er äusserliche in Erscheinung tritt, durch die Fabrikation von Waffen (...), sondern er hat den Ursprung in der Gesinnung des Menschen, die verdorben sein muss, ehe sie die Vorbereitung des Krieges erlaubt.»

Ist denn die Ideologie von Max Dätwyler nicht blauäugig?

Ganz ehrlich, ich weiss es nicht. Aber ich bin überzeugt, dass wenn sich jeder Mensch so sehr nach Frieden sehnen würde wie Max Dätwyler damals, dann würde sich viel verändern auf dieser Welt. Wenn ich durch meine Aktion schon nur einen Menschen mit dem Friedensgedanken infizieren konnte, hat sich die Aktion gelohnt.

Was glauben Sie, was würde Max
Dätwyler zur Lage im Irak, in Syrien, aber auch in der Ukraine sagen?

Ich bin überzeugt, er würde weiter den Frieden propagieren und versuchen, sich mit Putin oder den IS-Führern zu treffen. Obwohl er höchstwahrscheinlich auch von ihnen nicht empfangen werden würde. Und ich glaube, er würde für die Menschen beten. Das war aus seiner Sicht eine der stärksten Waffen.