Als Bub wollte er Geologe werden, nicht Tierarzt, dieses Berufsziel kam erst später, sagt Andres Brändli und erinnert sich, wie er zusammen mit seinen Geschwistern im Eisenbergwerk von Herznach herumstreunte, um nach Fossilien zu suchen. Vom Beruf des Geologen hielt ihn ein Onkel ab, der die beruflichen Aussichten (ob er denn Lehrer werden wolle?) geringschätzte.

Die Kinder suchten nicht nur nach harmlosen Fossilien, sie mischten im Keller aus Kalisalpeter, Holzkohle und Schwefel auch Schwarzpulver, um Blechgefässe in die Luft zu schiessen. «Wir wussten schon, was wir machten», sagt Brändli, «wir waren vorsichtig. – Aber klar, die Eltern wussten nicht alles.»

Andres Brändli bezieht seit ein paar Monaten AHV, seit 2009 praktiziert er nicht mehr als Tierarzt, im Ruhestand ist er deswegen noch lange nicht. Er lotet weiter das Leben aus, wie er es schon immer getan hat. Und die Faszination des Sprengens hat ihn eh nie losgelassen. «Es hat schon etwas Lausbübisches an sich», gibt Brändli zu. «Diese Spannung, dieser ewig anmutende Bruchteil einer Sekunde zwischen Zündung und Knall, das ist ganz speziell.» Der Kick, sagt man heute.

«Armi Chaibe»

Diesen Kick suchte er auch zusammen mit einem Freund, einem Fotografen, als er in Bern Veterinärmedizin studierte. Doch 1977 war damit Schluss. Das Sprengstoffgesetz wurde in Kraft gesetzt. «In den 60er- und 70er-Jahren kauften die Strahler in den Bergkantonen ihren Sprengstoff noch in der Gnossi», sagt Brändli. Dass aber Terroristen Sprengstoff über den Ladentisch gereicht werden könnte – RAF und Baader-Meinhof-Bande trieben damals ihr Unwesen –, sollte per Gesetz unter allen Umständen verhindert werden.

Als Brändli Anfang der 90er-Jahre den Freund aus der Berner Zeit wieder traf, hätten sie sich gegenseitig bedauert. «Mir sind doch armi Chaibe, dass wir nicht mehr mit Sprengstoff hantieren dürfen.»

Wenn es das Gesetz so will: Andres Brändli machte den A-Ausweis, der zu einer einmaligen Zündung einer bestimmten Menge von Sprengstoff befähigt, etwa um einen Wurzelstock aus dem Erdreich zu lösen. Brändli wurde Sprengmeister.

«Im Kurs», berichtet er, «hat es mich aber grad ganz erwischt.» Er, Brändli, war 45, Tierarzt mit eigener Praxis, die anderen Kursteilnehmer alle zwischen 20 und 30, Geologen, Lawinensprenger, Strahler, Wegebauer. Es folgten weitere Kurse und ein Praktikum im Steinbruch der Holcim in Brunnen. «Da hat es waagrecht geschneit.» Was den Brändli nicht bremsen konnte. «Die sagen von mir noch heute, ich sei am Montag um neun dreckiger als sie am Freitag um fünf.» Von da an verbrachte Tierarzt Brändli seine Freitage als unbezahlter Assistent im Steinbruch, wurde wenige Jahre später sogar als Freelancer angestellt.

Fremdes kennenlernen

Seine Freizeit habe er immer dafür genutzt, Fremdes kennen zu lernen, berichtet er. So machte er Ferien der besonderen Art als Aushilfs-Kellner bei der damaligen Schweizerischen Speisewagengesellschaft SSG. Und er ist überzeugt: Ein einmonatiges Service-Praktikum täte jedem gut, der im Geschäftsleben Verantwortung übernehmen will.

Im Jahr 2000 setzte er seinem Hobby mit Sprengkraft die Krone auf, er absolvierte den Gebäude-Sprengkurs. Und so wird er in der Nacht auf den 9. März die Sprengung des Rockwell-Gebäudes mit besonderem Interesse verfolgen. Mit der Sprengung selber hat er aber nichts zu tun. «Für mich ein Kaliber zu gross. Damit wäre ich überfordert.»

Die Schweiz sei das einzige Land, in dem die Sprengstoffe markiert sein müssten, um die Rückverfolgung zu ermöglichen, erklärt er. Bei der Herstellung werden den Sprengstoffen Geruchsstoffe oder Metallspäne beigemischt, um diese durch Spürhunde und Detektionsgeräte (Röntgen) besser auffinden zu können. Und jede Patrone trage bald einmal einen Strichcode, um die Nachverfolgbarkeit zu verbessern und einen Missbrauch zu erschweren. Der Sicherheit wird alles untergeordnet. Und dann bricht in der Erzählung von Andres Brändli wieder das Spitzbübische durch, als er von einer Begegnung mit dem Aktionskünstler Roman Signer berichtet.

Wirkung vorausberechnet

Signer schafft mit seinen Aktionen nämlich jenes Faszinosum, das auch Brändli nicht mehr loslässt: Die Freisetzung einer vorerst gebannten Ladung Energie, jener spannungsgeladene Moment zwischen Zündung und Explosion und die gewaltige, vom Sprengmeister allerdings vorausberechnete Wirkung.

Brändli durfte Signer assistieren, als dieser einen Tisch deckte und mit einer Sprengfolie das Gedeck pulverisierte. Als der Rauch sich gesenkt hatte, blieb ein Tisch zurück mit einem kreisrunden Loch, wie ausgefräst. Verrückt? Signer ist berühmt geworden damit. Weltweit. Denn es ist mehr als nur ein Knall.

Der Künstler Signer lenkt die Aufmerksamkeit auf das Ereignis, die dadurch bewirkten Veränderungen und die daran beteiligten Kräfte.

Die Sprengung eines Felsens, in den im gleichmässigen Abstand Löcher gebohrt worden sind, um die Sprengladungen aufzunehmen, die kurz nacheinander sich folgenden Detonationen, die den Fels von der Wand lösen, die Erschütterung, ausgelöst durch die Explosion, und die noch stärkere Erschütterung, wenn die Felsmasse aufprallt, das ist es, was Brändli in seinen Bann zieht. Um es zu begreifen, muss man ein Lausbub sein oder ein Künstler oder beides wie Andres Brändli, der sicher eines ist, ein Lebenskünstler.